In Frieden

Jede Minute, die wir stehen bleiben bringt uns seinem Tod näher. (Und unserem eigenen). Ein seltsamer Gedanke: Wir binden uns die Schnürsenkel und wenn wir fertig sind, rücken wir wieder näher an den Tod. Vor allem an seinen. Beim Abschied trösten wir uns mit dem Gedanken, dass es doch noch ein nächstes Mal geben wird, denn die Abschiede erfordern mehr Zeit als gedacht. Tief im Inneren hoffen wir gegen alle Vernunft, der Tod könnte sich vielleicht doch noch als Irrtum herausstellen. Wie wir überhaupt hoffen; wir hoffen, er ist die letzten Tage noch so glücklich wie nur möglich, und hoffen, der Tod möge für ihn sanft schmerzlos sein. Ich würde gerne noch tausend Tage mit dir verbringen, sagt er, mindestens, aber es wären keine guten Tage. Also gehe ich in Frieden und ihr bewahrt die Erinnerung. Später, in unserer ganzen Fassungslosigkeit, versuchen wir uns so zu trösten. Der Abschied war wie er ihn wollte. Am hellen Morgen glitt er hinüber auf die andere Seite.

 

 

Notwehr

Bus

 

Die Telefone klingeln

erst eines, dann noch eins, schließlich alle,

die Leute reden gleichzeitig, und ihre Sätze versuchen sich zu übertönen.

Ja ich dich auch, nein das ist eine Firmenkreditkarte, Schatz was essen wir?

Ich bin im Bus, und wann kommst du? Vielleicht hat sie ihre Tage Alder ey!

Die automatische Ansage: Nächste Haltestelle Schlump

Übergang zur U-Bahn und weiteren Buslinien schiebt sich noch obendrauf.

Die Einzige, die schweigt bin ich, aber ich kann mein Schweigen nicht hören.

Meine Gedankengefühle sind weggerannt, es pfeift in meinen Ohren.

Also nehme ich das Gewehr, das ich aus dem Schrank meines Vaters stahl,

halte es hoch und erzwinge die Herausgabe all dieser Handys. Ich lasse sie

in meine große Tasche fallen. Die Leute fliehen in Angst, nur der Busfahrer lächelt.

Endlich ist ruhig, sagt er mit schwerem Akzent und dann fahren wir beide

mit dem leeren Bus durch die Stadt bis zur Endstation.

Der Plan

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An diesem heißen Junitag setzten wir deinen Plan um
Wir gingen in die Kirche mit den riesigen Holztüren

Wir hörten deine Lieder und die Gebete
Stellten Lilien für dich in die Vase

Nur unsere Tränen hattest du nicht
In die Datei Ablauf Trauerfeier geschrieben

(Vermutlich)

It was a wonderful sendoff

Abends ließ ich die Beine am Fenster baumeln
Betrachtete meinen Körper im Spiegel der Scheibe

Während ich an die Worte des Priesters dachte

Gott tröstet

Da war es auf einmal, unerwartet plötzlich
Das Gefühl, das Rose vorschlug

Gott tröstet

Als die Vögel aufhörten zu schimpfen
blitzte es am roten Himmel

Mir schien ich hörte deine Stimme am Telefon
Dein Lachen durch das Melancholie schimmerte

Als drüben in der Moschee das Fasten gebrochen wurde
Der monotone Gesang ertönte, und Mathilda noch immer Hausaufgaben schrieb

Nahm ich dich in Gedanken mit ins Leben
Leichtfüßig, liebevoll und getröstet

Fast so wie immer

 

 

Der letzte Tag

Noch einmal tun wir die ganz normalen Dinge
Sprechen vom Begehren und schneiden Gemüse

Über uns schwebt das Nie Wieder
Trotzdem immer noch unvorstellbar

Ein tiefer Friede liegt in allem
Nichts blieb ungesagt

Als ob es kein davor und kein danach gäbe
Nur diesen Moment, den mein Herz für immer einfriert

Noch einmal lasse ich meinen Blick über
seinen Arm gleiten. Einst berührte ich ihn so gern

Die Haut wie Pergamentpapier, aber weicher,
Ganz viel weicher und voller brauner Flecken

Beim letzten Kuss geben wir vor
Es sei nicht der Abschied für immer

Zwölf Tage später ist die Stadt leer ohne ihn,
Der Sommer genauso sinnlos wie die Helligkeit der Nächte

Ein dürres Mädchen mit Kopftuch steigt in den Bus, dann
Schlägt mir die Endgültigkeit voller Wucht ins Gesicht

 

Warum ich beim Elternabend gefehlt habe

Es war einer der ersten wunderbar warmen Tage in diesem Jahr, ein Donnerstag. Ich hatte einen Tag voller vermeintlich kleiner Verpflichtungen hinter mir, von denen aber jede Einzelne meine volle Konzentration brauchte. Schon morgens um sieben stand der Schornsteinfeger vor der Tür und wollte die Rauchmelder kontrollieren. Dann ein Arzttermin mit Tochter Eins, Telefonate, Gespräche und schließlich ein Vortrag bei einem Betriebsrat über Arbeitsrecht und Datenschutz. Weiterlesen