Fallobst (6)

Er war da, in einsamen, schwierigen Zeiten. Freund hätte er sich nicht genannt, vermutlich, aber es gab diese Geschichte von ein, zwei gemeinsamen Nächten. Der Arzt in ihm warf einen abgeklärten Blick auf das schreiende und fieberheiße Kleinkind. Seelenruhe. Das wird vergehen, aber es wird dauern. Erleichterung, also wird das Kind nicht sterben. Zwölf Jahre später erzählten wir uns beim Mittagessen die Geschichte der gemeinsamen Nacht. Ein wenig wie in den Filmen, in denen sie sich in den Armen liegen und sich an die Leidenschaft der Nächte erinnern. Nur, dass wir aßen. Und lachten.

Über den Umgang mit unsichtbaren Krankheiten

Die Chancen, dass wir in unserem Umfeld jemandem mit einer Depression oder anderen psychischen Problemen begegnen, ist ziemlich hoch: Berichten zufolge leiden rund 5% der Bevölkerung in Deutschland an einer Depression. Von anderen Problemen wie Angst- und Zwangsstörungen, Psychosen, posttraumatischen Belastungsstörungen etc., die oftmals mit einer Depression einhergehen, einmal ganz abgesehen.

Es ist nicht nur für die betroffenen Personen selber, sondern auch für die ihnen nahestehenden Angehörigen mühselig, immer wieder mit Vorurteilen und Unwissenheit in Bezug auf die Erkrankung konfrontiert zu sein. Kommen verschiedene Probleme körperlicher und psychischer Ursache zusammen, ist es geradezu zermürbend, immer wieder dieselben vorurteilsbeladenen Annahmen und ungefragten Ratschläge zu bekommen – in einer Zeit, in der die Betroffenen und auch die Angehörigen unter großer Anstrengung versuchen, das Beste aus einer schwierigen Situation zu machen, und das oftmals über Jahre hinweg.

„Nur meine persönliche Erfahrung“

Ich habe daher ein paar meiner Erkenntnisse zusammengestellt, in der Hoffnung, dass sie vielleicht zur Aufklärung und Unterstützung beitragen. Die Liste erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Allwissenheit. Sie ist nur ein loser, unsortierter Zusammenschnitt meiner persönlichen Erfahrungen. Der Einfachheit halber habe ich „Depression“ als Sammelbegriff für psychische Erkrankungen gewählt, wobei aus meiner Sicht vieles davon auch für körperliche, „unsichtbare“ Erkrankungen genauso gilt (z.B. chronische Schmerzen). Weiterlesen

Trotzdem (II)

„Ist Schnää, Sie können nicht fahren“, sagten die Bauarbeiter belustigt, als sie mich in meiner Alien Bekleidung mit meinem Rad aus der Haustür kommen sahen – und ich lachte innerlich über den heiteren Anstrich, den ein osteuropäischer Akzent und eine verdrehte Grammatik der oft so strengen deutschen Sprache gibt.

Es hatte nicht geschneit, aber es regnete einigermaßen heftig und die erste Sturmflut des Jahres kündigte sich an. Der Schweinehund hatte sehr überzeugend argumentiert, ich solle mich lieber nicht aufs Rad setzen. Dieser graudunkle Morgen! Dieser Regen!

Ich hielt dagegen. Ich habe doch mein Weihnachtsgeld in eine regenfeste Jacke und ein warmes Hemd für drunter investiert! Und sogar noch ein Paar Gummistiefel gefunden, also würden anders als gestern auch die Füße trocken bleiben!

Nach etwa einem Kilometer tritt in solchen Fällen der Trotzdem-Effekt ein: das Radfahren tut einfach gut, auch bei solchem Wetter, und so war es auch dieses Mal. Es wurde warm und der strömende Regen machte Spaß, vor allem auch mit der neuen Bekleidung. Keine gestaute Hitze unter fiesen Materialien mehr, keine Nässe bis auf die Haut.

Beim Durchqueren des Parks lag der Fernsehturm fast vollständig im Nebel. Nur ganz vereinzelt waren Leute mit ihrem Hund unterwegs, und die obdachlosen Afrikaner wärmten sich an ihrem Feuer. Wie auch immer sie das in Gang bekommen haben mochten bei diesem Wetter. Ich vergaß Zeit, Raum und Regen. Einzig die Gummistiefel waren ein wenig lästig; sie schlackerten, gut eine Nummer zu groß, um meine Füße.

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Auf diese Weise knüpfte dieser Morgen an meinen Rückblick auf das Jahr 2018 an – irgendeine Schönheit hat auch ein verregneter Tag. Ich muss sie nur sehen.

 

Trotzdem

2018 war ein furchtbares Jahr. Ab Ende Mai spitzte sich bei Tochter Eins eine (potentiell durchaus lebensbedrohliche) Erkrankung zu, die große Sorge und auch viel familiären Streit nach sich zog. Im Oktober ein böser Unfall, schließlich noch eine Baustelle mitten in der Wohnung, mit Dreck und Chaos, und eine Ungezieferplage in der Küche.

Immer kam noch wieder irgendein Problem dazu und manchmal kam es mir vor, als ob das Schicksal mir jeweils gerade dann in die Fresse schlagen wollte, wenn ich dachte, ich könnte Luft holen. Zum ersten Mal in der langen Zeit, die ich schon allein für Haus, Hof und Kinder zuständig bin, schlich sich bei mir mitunter der Gedanke ein, dass die ganzen Probleme zu zweit vielleicht doch einfacher zu handhaben wären.

Es war mehr ein Akt der Verzweiflung denn ein wirkliches Bedürfnis, aber irgendwann schlug ich ein dickes Notizbuch auf und fing an stichwortartig aufzuschreiben, was der jeweilige Tag Gutes gebracht hatte.

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„Nur positive Ereignisse und maximal drei pro Tag“

war die selbst definierte Regel.

„Das Gute am Tag“ waren ganz unterschiedliche Ereignisse und Beobachtungen. Mein neues Büro mit dem angrenzenden Garten, das ich Ende Juni bezogen hatte, war und ist immer ganz oben auf der Liste.

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Mein Büro ist ein riesiger Raum in einer alten Villa, mit Stuck und hohen Decken. Der Garten geht in andere (Nachbar-) Gärten über, ist von großen Bäumen umgeben, und diese Lage bewirkt eine himmlische Ruhe. Diese Oase mitten in der Stadt und die Eichhörnchen, die über den Rasen flitzen, beruhigen sofort den Kopf, fast egal, was zuvor war.

Es konnte auch ein Satz über meine Arbeit sein, der mich lachen ließ –

„Mein Eindruck ist, dass Frau Dr. K. die Verträge sehr gründlich liest. Sie hat wichtige Punkte aufgezeigt, die bisher niemand gesehen hat. Insofern denke ich, dass Sie von ihr gut beraten werden“.

Ein Zitat meiner wortgewandten, jüngeren Tochter –

„Du sollst nicht das Problem hinterfragen, sondern eine Lösung finden!“

Manchmal war es meine (längst in Rente gegangene) frühere Hausärztin, die sich mitten im Supermarkt ehrlich interessiert und mitfühlend meine Berichte anhörte.

Es konnte die herrliche Aussicht aus einem Bürogebäude über die Alster sein, als ich mich um einen Auftrag bewarb, den ich nicht bekam.

Es konnte ein Ausflug ans Meer sein, wo der Wind für ein paar Stunden die Gedanken aus dem Kopf blies.

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Oder auch eine Zeichnung von Tochter Zwei – von der Älteren mit den Worten kommentiert: das hätte ich auch so gezeichnet, wenn ich es so gut könnte! – die mir das Gefühl gab, doch nicht alles falsch gemacht zu haben mit den beiden.

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Wörter machten immer Spaß, schon gar das englische Fachvokabular, das ich mir wieder ins Gedächtnis rufen musste, weil ich zunehmend international agierende Auftraggeber habe.

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resource allocation

repercussion

The country’s watchdog for privacy abuses by companies

Nicht zu vergessen auch eine Flasche Champagner mit dem Geliebten im Park, die wir gelegentlich dem eng verplanten Alltag abtrotzen.

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Und dann gab es die Poesie, die immer tröstet und beruhigt. Das Notizbuch teilt seinen Ablageplatz mit vielen, vielen Lyrikbänden.

Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Erstaunlicherweise wurde das, was als ein verstandgesteuerter Akt der Verzweiflung begann, im Laufe der Zeit zu einem wirklichen Gefühl. Ein Gefühl von Freude stellte sich ein; Freude und Glücklich-Sein darüber, dass das Leben nicht nur furchtbar ist, auch wenn es mitunter so scheint – dass es im Gegenteil aus vielen schönen Momenten besteht. Ein Gefühl der Dankbarkeit für meine Privilegien, die vieles erleichtern: ausreichend Platz und ausreichend Geld, eine abwechslungsreiche und interessante Arbeit. Freude und Dankbarkeit für alles, was trotz allem gut gegangen war. Ich bin fast sicher, dass dieser Effekt durch das tägliche Schreiben erst bewusst und dann verstärkt wurde.

Rückblickend scheint es, als hätte das ganze Unbill des Jahres 2018 und die Liste der guten Dinge meinen Blick für die Schönheit des Lebens wieder geschärft. Für die Schönheit, die oft unscheinbar am Wegesrand liegt und ein wenig Aufmerksamkeit braucht. Sind wir in der Lage sie zu sehen, kann sie die Lebendigkeit zurück bringen, auch und gerade in schweren Zeiten.

So betrachtet war das Jahr ein gutes Jahr – auch wenn ich es bestimmt nicht vermissen werde.

Gezeiten

 

Ein Körper, breit und träg wirkend,
sanduhrförmig, ruhend auf Füssen, die scheinen im Verhältnis
viel zu klein. Zerklüftet ist die Haut des Bauchs, sie hat
die Nachkommen übelgenommen, ihre Narben glitzern im Licht.

Schwere Brüste, bereits ein wenig schlaff,
(aber sie kamen besser davon als der Bauch).
So viel Glück ist in schnörkeliger Schrift auf die Hüfte
geschrieben, ein Andenken aus einer fernen Zeit.

Gebündelt sind
die Erinnerungen im Auge der Kamera,
an Lust und Schmerz, die abwechselnd

als Ebbe und Flut den Körper umspülen. Wir lassen
den Blick noch weiter schweifen und dort, an der Vulva, dort lugt
tatsächlich ein einzelnes graues Haar aus der Lippe hervor.

 

Heimliche Liebe

Neben Tod und Menstruation ist eine außereheliche Liebesbeziehung das größte Tabu in unserer so aufgeklärten Welt. Schon gar eine, die nicht nur eine kurze Affäre ist, sondern über Jahre hinweg besteht. Das jedenfalls ist mein Eindruck, nachdem ich schon lange in einer lebe.

Ich hatte vor einiger Zeit schon mal überlegt, ob ich darüberschreiben sollte. Sachlich, ohne Wertungen, einfach meine Geschichte. Es hat nicht funktioniert und so habe ich den Gedanken wieder verworfen.

Dann kam Mitte November Rona Duwe und ihre Umfrage auf Twitter:

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Es entspann sich ein kurzer Dialog zwischen uns –

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Rona schrieb zurück:

„Auf Konventionen pfeife ich ebenfalls. Aber gebundene Männer, die daten, finde ich irgendwie oft <schwach>. Weil sie nicht ehrlich sind“.

Ich weiß – meine Geschichte ist nicht wirklich eine Antwort auf ihren Einwand, aber ich erinnerte mich an einen weiteren Satz von Rona, den ich einmal in einem Podcast hörte, in dem sie interviewt wurde. Sinngemäß sagte sie da:

„Die Geschichten der anderen Frauen, der anderen Alleinerziehenden, haben mir sehr geholfen. Ich denke es ist gut, die eigenen Erfahrungen zu teilen, dann sind wir weniger allein“.

Vielleicht ist meine Geschichte dazu gut, dachte ich. Vielleicht gibt sie einen anderen Blick auf die Dinge, einen Denkanstoss – auch wenn sie im Grunde langweilig ist, handelt sie doch von unspektakulärem Glück und gleichmäßiger Zufriedenheit.

Also:

Außer einem diffusen Gefühl von „ich will nicht bis ans Ende meines Lebens ohne Körperkontakt und Nähe leben“, wusste ich nicht, was ich eigentlich will. Als mir das bewusst wurde, hatte ich die Anzeige allerdings schon aufgegeben, ganz altmodisch in einer papiernen Zeitung, wobei das Zeitalter des Online Datings bereits begonnen hatte. Es war Anfang des Jahres 2009, mein jüngstes Kind war noch nicht in der Schule. Einer digitalen Dating-Plattform entstammte meine erste Liebe nach meiner gescheiterten Ehe; ein wunderbarer Mann, dem ich bis zu seinem Tod vor knapp 2 Jahren eng verbunden blieb. Er war wunderbar, aber sein Leben war so kompliziert wie meines und unsere Liebesbeziehung dauerte nur kurz. Lang genug allerdings um mich spüren zu lassen, was seit einer gefühlten Ewigkeit irgendwo verschüttet war: es gibt eine leere Stelle in meinem Leben. Da ist noch was.

Ratlos saß ich vor der Post, die meine Anzeige zur Folge hatte. Die meisten Absender waren +/- 60 und damit gut 15 Jahre älter als ich zu diesem Zeitpunkt. Himmel, dachte ich, diese ganzen alten Kerle wollen alle eine Beziehung, so, wie man sich das gemeinhin vorstellt, aber was will ich eigentlich? Ich schrieb freundliche leider-wird-das-mit-uns-nicht-passen Briefe und Mails. Die zwei bis drei, die mir ganz vielleicht einen Versuch wert schienen, schrieben leise beleidigt „es wird nicht passen“ zurück, weil ich meine Kinder nicht gleich erwähnt hatte.

Ich wollte die Sache gerade in der Akte „Muss ich noch mal überdenken“ ablegen, als noch eine E-Mail eintraf, in der jemand schrieb:

„Ich will gleich zu Anfang ganz offen und ehrlich sein; ich bin verheiratet. Nicht direkt unglücklich, aber doch so, dass ich mich frage, ob das schon alles im Leben gewesen sein soll“.

Ich lachte leise in mich hinein: das macht noch jemanden, der eine unbestimmte leere Stelle in seinem Leben spürt.

Warum nicht? – war mein nächster Gedanke. Wenn er verheiratet ist, kann er sich nicht beschweren, dass ein Teil meines Herzens noch an Mister Berlin hängt und er kann sich auch nicht beschweren, wenn meine Kinder im Zweifel wichtiger sind als er. (Mein Pragmatismus macht auch vor Liebesdingen nicht halt). Einen Versuch wäre es wert, zumal ich nicht gleich wieder mein Herz so ganz und gar verlieren wollte.

Auf einmal schien es, als könnte ich den Flicken für die offene Stelle gefunden haben.

Fürs Erste schrieben wir uns lange Mails und ich war sofort in seine Eloquenz verliebt. Als wir uns zum ersten Mal in einem Café trafen, gab es keinen Unterschied zwischen dem Mann aus unserem Briefwechsel und der realen Person. Viele Wochen nach der ersten E-Mail und einer langsamen Annäherung fuhren wir an einem Sommertag zusammen aufs Land und blieben dort in einem Gasthof bis zum nächsten Morgen.

Seither, seit fast 10 Jahren, ist das unsere (Liebes-) Beziehung. Ungefähr einmal im Monat fahren wir am Nachmittag nach der Arbeit zusammen weg, bleiben in einem Hotel und am nächsten Mittag geht wieder jeder seiner Wege. Wir genießen die Nähe des anderen, Sex, Spaziergänge, gutes Essen und Gespräche. In der Zeit zwischen unseren Treffen schreiben wir uns E-Mails. Täglich. Wir erzählen uns auf diesem Weg vom Alltag, von den Kindern, von Träumen und Gefühlen. Manchmal, wenn es gerade passt, treffen wir uns nach der Arbeit kurz einem Café oder in meinem oder seinem Büro.

Hotel

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Da unser beider Berufe öfter mal Dienstreisen erfordern, lassen sich diese Ausflüge unauffällig in den Alltag integrieren, und ich bin auf diese Weise die ganz und gar zufriedene Geliebte eines verheirateten Mannes. Ich bin glücklich, wenn ich ihn sehe, und wenn er nicht da ist, glücklich, dass es ihn gibt. Unsere Treffen halten mich bei guter Laune, die in meinem Alltag als berufstätige Alleinerziehende mitunter nicht so einfach zu haben ist. Sie sind die raren Momente, in denen ich nicht nachdenken muss und einfach nur da sein kann. Und wenn ich manchmal mit angegriffenen Nerven weinend im Büro sitze, weil ich denke, ich kann einfach nicht mehr, ich schaffe das nicht … trösten mich seine mitfühlenden Worte aus der Ferne.

Ich bin allein und ich bin nicht allein, und das ist für mich ein idealer Zustand. Zwischen ihm und mir zählt nur das Hier und Jetzt, nur der Moment und der Genuss des Moments. Was in einem Jahr sein könnte, werden wir in einem Jahr sehen. Auch das ist ein wertvoller Kontrast zu meinem Alltag, in dem ich immer vorausdenken und planen muss. Dabei haben wir durchaus Phasen von großer Sehnsucht und eine gewisse Melancholie, dass das Leben ist, wie es ist. Letztlich sind die aber ein schöner und notwendiger Teil unseres Zusammenseins. Über die Jahre ist eine Liebe gewachsen, die ich vorher nicht kannte. Ich möchte nicht mehr anders leben.

Die Handvoll Menschen, denen ich von dieser Geschichte erzählt habe, haben fast alle sofort suggeriert, dass ich doch bestimmt erwarte, dass er seine Familie für mich verlässt – wenn nicht jetzt, dann ganz sicher später. Es ist das Bild, das uns in jedem Film, in jedem Buch zum Thema „Heimliche Liebe“ vermittelt wird. Die Geliebte muss unglücklich sein und erwarten, dass sie geheiratet wird.

Es ist vielleicht schwer nachvollziehbar, aber ich habe das nie erwartet. Zu Beginn unserer Beziehung hatte ich eine scheußliche Trennung hinter mir, unter deren Folgen meine Kinder teilweise noch heute leiden, trotz aller meiner Bemühungen um das Gegenteil. Ich war (und bin zwischenzeitlich noch) ihnen gegenüber voller Schuldgefühle, auch wenn die Trennung die einzig richtige Entscheidung war. Ich würde es nicht ertragen, ginge eine zweite Familie kaputt. Und ich wollte weder mir noch meinen Kindern eine Patchworkfamiliensituation zumuten. Unser Leben war schon ohne das schwierig genug, und das gilt knapp 10 Jahre später immer noch. Meine Trennungssituation hat sich durch Zeitablauf endlich beruhigt, aber andere Probleme sind geblieben und neue dazu gekommen.

Dieses Gefühl hat sich all die Jahre gehalten, obwohl ich im Laufe der Zeit entgegen meiner anfänglichen Vorsätze mein Herz ganz und gar an ihn verloren habe.

Sein Problem hingegen war (und ist) nicht, dass er seine Frau hasst und er sie aber trotzdem – aus welchen Gründen auch immer – nicht verlassen kann. Soweit ich das überblicke, hat seine Ehe einen Verlauf genommen, den vermutlich viele langjährige Ehen nehmen. Die Heirat mit der ersten großen Liebe aus Studienzeiten, Kinder, Arbeit, Hausbau und irgendwann in den Jahrzehnten wird die Beziehung sprachlos und Sex findet nicht mehr statt. Ansonsten aber lebt man freundlich, friedlich nebeneinander her, ist viel beschäftigt, genügsam mit den eigenen Ansprüchen und da ist nur eine leise innere Stimme, die sagt: Soll das schon alles gewesen sein?

Großensee

Wir sind beide überzeugt, dass in so einer Situation nichts besser, sondern alles nur schlimmer wird, wenn ein Mann seine Partnerin und die Kinder verlässt und mit einer anderen Frau neu anfängt – wie es in vielen Fällen immer noch geschieht. Anders als in meiner Ehe ist es in diesen Konstellationen ja nicht ein Irrtum, die Frau geheiratet zu haben, die man geheiratet hat. Es ist nur der Lauf der Zeit und das Verpassen des Zeitpunkts, zu dem man eigene Wünsche an den anderen und das Leben hätte aussprechen müssen, um die Situation vielleicht gemeinsam zu drehen. Wir waren uns einig, dass dies kein Trennungsgrund ist, aber auch kein Grund, die leere Stelle im Leben einfach leer zu lassen.

Und viel mehr als das denke ich über die Situation nur ganz selten nach.

Wie ansonsten auch hängt das Gelingen einer solchen Liebe vom richtigen Mann ab, von der „richtigen“ Kombination zweier Menschen, deren Bedürfnisse sich überschneiden. Für mich sieht es so aus, als habe ich ihn gefunden.

***

Wer etwas (sachlich – analytisches) zum Thema „Heimliche Liebe“ lesen möchte, denen würde ich das gleichnamige Buch von Wolfgang Schmidbauer empfehlen, „Die heimliche Liebe. Ausrutscher, Seitensprung, Doppelleben“, erschienen bei rororo.

 

 

 

Fallobst (6)

Sichtbar ist Mrs. Columbo nur in ihrer Welt, nie aber in seiner; das hat sich so ergeben. Sie schätzt diesen angenehmen Nebeneffekt, ist sie doch im Grunde ihres Herzens menschenscheu und Heirat gehörte nie zu ihren Mädchenträumen. Es gibt immer ein nächstes Mal solange wir nicht tot sind, sagt sie zu ihm, wenn sie zusammen in Zeitlöcher fallen und Sonne trinken. (Darin sind sie sich einig). Sie nimmt seine Worte mit, die sie vermisst hätte, und ihre Herzenspflicht, ihm zu schreiben. Wir müssen uns Mrs. Columbo als eine glückliche Frau vorstellen.