Augenblicke

 

Für Alex

Schätze nie den Augenblick gering, sagte der Tod energisch
Als du mit ihm gingst. Sauge ihn auf, spüre ihm nach, dem Augenblick,
In dem die Blätter des Baums vor dem Fenster leise rascheln oder
Jenem am Abend, wenn der Sichelmond klein am Maihimmel steht.

Genaugenommen, Tod, antworte ich manchmal, genaugenommen
Ist Leben doch abertausende, endliche, kleine Momente, denen wir nur
Das Wunder ihres Seins abgewinnen müssen. Diese flüchtigen, in denen
Mir die Umarmungen der Kinder wertvoller sind denn je, mit dem Wind,

Der ihnen durchs Haar streicht, und die streichelnde Hand des Geliebten auch,
Während wir auf das träg fließende Wasser der Elbe blicken. Schärfe deine Sinne,
Sagte der Tod, als du mit ihm gingst, ich kann nie schlimmer sein als
Ein Leben ohne Genuss und Gefühl. Horche den Geräuschen nach,

Den ganz eigenen der Straße wenn das Zuckerfest naht,
Jedes Jahr wieder, tröstlich vertraut, nimm‘ die knarrende Fahrradkette auf, die
Mal wieder Öl braucht, die Poesie auch, die Worte und
Den Duft von Haschisch im Park.

Ich glaube du wärst sehr einverstanden mit den Ansagen des Todes, ferner Freund.
Manchmal höre ich noch dein Lachen, Tage nur
Bevor du Hand in Hand mit ihm die Welt verließt, ein Kichern eher, stillvergnügt,
Im Einklang mit mir, im Einklang mit dir.

 

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In der frühen Stunde

In der frühen Stunde des hellen Morgens / Ist der ewige Lärm der Stadt verklungen
/ Die Stille hat mich geweckt und aus den schlaftrunken verstreuten Teile des
Selbst schieben sich / die Bilder nach oben / die Bilder der ersten gemeinsamen
Nacht mit dem Gärtner / damals als wir mittelalt und schüchtern waren / damals
als die Sonne in der frühen Stunde des hellen Morgens in die kleine Wohnung
schien / Ich träume ich mich zu ihm und schreibe / eine mallorquinische Liebeserklärung /

Nummer 45 oder Dichtung und Widerstand

Die diesjährige Osterausgabe der Süddeutschen Zeitung enthält auf der Seite Drei einen wunderschön erzählten Artikel über den amerikanischen Dichter Jack Ridl, die Macht und die Schönheit der Poesie. Jack Ridl veröffentlicht auf seinem Blog jede Woche ein Gedicht als Protest gegen Nummer 45. Wir kennen Nummer 45 als Präsident Trump – Ridl nennt seinen Namen in den Gedichten nie.

Meine unbedingte Leseempfehlung –

Der Artikel von Christian Zaschke ist hier verfügbar (Bezahlschranke).

Der Blog von Jack Ridl: https://ridl.wordpress.com/

 

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Der Morgen, an dem ich die S-Bahn nicht verließ

 

I.
Es kam der Morgen, an dem ich die S-Bahn nicht verließ. Plötzlich waren
meine Beine gelähmt, der Kopf auch, dunkel und kalt blickte der Tag
an den Haltstellen zum Fenster hinein.

II.
Die Blinden mit dem klackernden Stock, die Hundeherren, die Verrückten, alle
sahen mich an und vollzogen meine Bewegungen. Ich aber, ich konnte mich nicht mehr bewegen. Steif hingen die Arme vom Körper.

III.
Just da setzte der Schnee ein, heftig wie ein Wolkenbruch nach der Sommerhitze,
ich starrte in die Strudel aus Flocken, die meinen Kopf festhielten; die Bilder von zu Hause tauchten auf, die zerbrochene Brille und der knirschende Kleb auf dem Küchenfußboden.

IV.
Gleich stürmten die Bilder vergangener Niederlagen heran, getarnt als Schnee, sie hatten im Schlepptau die Zweifel am Selbst, die nichtgefühlen Gefühle, ganz besonders die.
I ain’t just sad schoss es mir durch den Kopf.

V.
Der Waggon wurde mein Schneegrab, das mich langsam aufzulösen schien. Nicht mehr denken, nicht mehr fühlen: der Tod muss ein angenehmer Zustand sein, oder nicht? Bedauerlich, dass wir nur Gott dazu befragen können.

VI.
Die Lähmung blieb, lange nachdem die letzten Passagiere
ausgestiegen waren. Ich floss in einen schneegeborenen Traum,
der Traum löste sich auf und dann kam

das Nichts.

 

 


Abschied

Die Sehnsucht nach ihm begann im Augenblick des Abschieds, die nach Wärme und Licht folgte sogleich. Die rissige Haut auf den Lippen mit Olivenöl betupfend stellte ich mir vor, ich küsste seine kalte Wange und das Öl würde auf seiner Haut einen glänzenden Fleck hinterlassen.

Kreisende Möwen
Bezeugen starkes Gefühl
Bevor der Zug fährt

 

auf dem land

 

I.

schneeflocken knistern
auf der kapuze es klingt
wie geborgen sein

II.

ein knarrendes bett
und die große dorfruhe
(wie beim ersten mal)

III.

die küsse sind der
konvention gestohlen sie
schmecken lebendig

IV.

die kirchenuhr schlägt
doch: so viele jahre schon
träumend schweigen wir

 


Geschrieben mit einer kleinen Verneigung herüber zu Hannah und vor ihrer Kunst. Eine ganze Weile habe ich versucht, meine Ideen in ihren Langform-Haikus zu verarbeiten, weil ich ihre so eindrucksvoll fand und wissen wollte, ob ich es auch kann (und weil Formexperimente Spaß machen). Gerade als ich aufgeben wollte, entstand das hier – wie unabsichtlich, ohne großes Nachdenken und aus ganz anderen Skizzen als gedacht. Manchmal wandelt Kreativität auf seltsamen Pfaden.