Nachbarschaft

Als ich nach Hause kam, stand die große Große hektisch telefonierend im Flur.

Sie versorgte in diesen Tagen die Katzen der Nachbarsfamilie im Stockwerk über uns und die hatten aus Protest gegen die Abwesenheit der Menschen die Menschenbetten als Katzenklo benutzt. Meine Tochter zog die eingesaute Bettwäsche ab, wusch sie in der Waschmaschine der Nachbarn und tat sie in den Trockner. Dann zog sie die Tür hinter sich zu und ging wieder runter. Klassischer Blackout – die Schlüssel der Nachbarn als auch ihren eigenen ließ sie im Flur liegen.

Ein weiterer Schlüssel war nirgendwo hinterlegt, die Nachbarn weilten gut 500 km weit weg. Ich hatte einen schwierigen, langen Arbeitstermin hinter mir und große Sehnsucht nach nur noch kochen, essen und ins Bett. „Die Katzen sind ja gefüttert“, sagte ich schulterzuckend. „Dann musst du morgen den Schlüsseldienst holen, nützt ja nix“.

Sie telefonierte weiter mit den Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr und beratschlagte Möglichkeiten, in die Wohnung zu kommen. Eine ausfahrbare Leiter in den Hof? Abseilen? Die Terassentür stehe auf. „Lasst den Quatsch“, sagte ich. (Ich zucke jedes Mal wieder zusammen, wenn ich „Kameraden“ höre, aber so heißt das).

In unser spätes Abendessen schlug dann eine weitere Nachricht der Nachbarin ein: der Trockner stelle sich nicht von selbst aus. Google vermeldete, dass Wohnungsbrände hauptsächlich durch defekte Haushaltsgeräte verursacht würden und ein Drittel davon durch – Wäschetrockner. Der Trockner lief zu diesem Zeitpunkt seit mehr als zwei Stunden.

Der Mann vom Schlüsseldienst kam nach einer guten halben Stunde und stellte nicht die Frage, ob die Öffnung der Wohnung mit Zustimmung der abwesenden Bewohner erfolge. Er befestigte eine Art Stemmeisen an der Tür, zog und rüttelte, um dann zu verkünden, die Tür sei abgeschlossen! Wir hätten doch gesagt, das sei sie nicht! „Ich habe nicht abgeschlossen!“, erwiderte meine Tochter, während mir durch den Kopf schoss, ob sie vielleicht die Schlüssel doch mit rausgenommen und es nur vergessen hätte.

Die Holztür sah aus, als würde sie die Aktion nicht überleben. Ich dachte laut darüber nach, die Katzen einfach irgendwohin zu verschenken, wo sie artgerechter gehalten würden als eingesperrt in einer Großstadtwohnung. Den Nachbarn würden wir dann einfach sagen, sie seien leider gestorben. So traurig! Das würde uns zukünftig solche Probleme ersparen, win-win quasi. Der Schlüsselmann sah mich an, als sei ich unzurechnungsfähig.

Ich überließ ihn und die anderen ihrem Schicksal und gesellte mich zur kleinen Großen, deren Nerven das alles noch weniger aushielten als meine. Aber gleich darauf war die Tür geöffnet (und noch heil). Zwei Schlüsselbunde lagen im Flur auf der Kommode. Der Trockner wurde abgestellt und der Schlüsselmann stellte mir 115 EUR in Rechnung. Der Schweiß auf meiner Stirn trocknete nur langsam.

„Hast du die gestreifte Katze heute schon gesehen?“, fragte die Nachbarin meine Tochter am Abend ihrer Rückkehr. Es wäre also gar nicht aufgefallen.


Inspiriert von und mit Grüßen an Die gnädige Frau, die sich wundert (und kürzlich auch über Nachbarinnen schrieb).

(b) 2019

Aber zuerst möchte ich

Aber zuerst möchte ich diese Stelle küssen, dort zwischen Haar und Ohr, wo du ganz besonders wie du schmeckst und die ungesagten Liebeserklärungen meine Nase kitzeln.

Die Anonymität im Netz, Twitter oder ein Zimmer für mich allein

Es ist mir klar. Wenn jemand wirklich herausfinden will, wer sich hinter diesem Blog verbirgt, der oder die wird es herausfinden. Schon vor Jahren habe ich in einer Fortbildung gelernt, wie man mit entsprechender Recherche der Mailadresse „rosensternchen37@gmx“ eine reale Person zuordnen kann – selbst wenn man nur die Adresse kennt. Da muss sich allerdings jemand schon etwas Mühe machen.

Ich habe die Teil-Anonymität vorrangig deswegen gewählt, weil ich nicht wollte, dass meine Auftraggeber (oder potentiellen Auftraggeber) sofort auf meine privaten Texte treffen, wenn sie meinen Namen googeln. Ich fand, die beiden Sphären sollten getrennt bleiben. Sollte es jemand für nötig halten mit einigermaßen Aufwand auch diese Seite von mir kennenlernen zu wollen, dann sei es so. Aber ich wollte sie nicht auf dem Tablett präsentieren.

Das Zimmer für mich allein

Drüben bei Twitter kam noch ein weiteres hinzu. Twitter entwickelte sich für mich immer mehr zu einem Raum, in dem ich auch mal ungefiltert über die nicht so schönen Seiten meines Daseins als Alleinerziehende schreiben konnte. Oder über meine Erfahrung mit depressiven Krisen. Hier gab es im Laufe der Jahre einen weiteren Grund, meine Identität ein wenig zu verschleiern – meine Kinder. „Twitter ist kinderfreie Zone“, hatte ich gesagt und mich geweigert, ihnen meine dortige Identität zu verraten. Das haben sie akzeptiert und ich war sicher, dass sie sich nicht auf die Suche machen würden. Twitter war ein wenig das Zimmer für mich allein, das ich ansonsten nur selten habe.

Hier wie dort habe ich keine große Reichweite, aber darauf kommt es auch nicht an. Wichtig an Twitter ist für mich der Austausch und das Erfahren von Welten, von denen ich sonst nicht erfahren hätte. Das erstreckt sich in meinem Fall von zeitgenössischer amerikanischer Lyrik über Politik bis zu den Frauen, die ähnliche Erfahrungen als Alleinerziehende haben wie ich. Insbesondere letzteres ist entscheidend. Erst durch die Berichte anderer Frauen auf Twitter wurde mir klar, dass bestimmte Schwierigkeiten nicht mein individuelles Versagen sind, sondern die gesellschaftlichen Umstände. Und dass ich damit mitnichten so alleine bin, wie ich immer dachte. It’s the system, stupid.

Der Feuerwehr Algorithmus

In Bezug auf die Kinder ging das solange gut, bis der Feuerwehr Algorithmus zuschlug. Meine große Tochter ist in der Ausbildung als Freiwillige Feuerwehrfrau und folgt auf Twitter allem, was mit Feuerwehr zu tun hat. Ich hingegen kommentierte einen Tweet, der von einer Feuerwehrfrau handelte, und der wurde meiner Großen angezeigt. Sie erkannte mich auf dem Profilbild und kam freudestrahlend auf mich zu, das sei doch ich? Das sei ja ein schöner Kommentar! Tja. So sehr mich freute, dass sie sich über meinen Tweet freute, so leise unbehaglich war es mir, dass ich nun identifiziert war.

Während ich noch überlegte, was zu tun sei, stellte sich heraus, dass mein Ex-Mann seit Monaten meine Tweets mitlas und speicherte. Er hatte sich offenbar die Mühe gemacht, meine vollständige Online-Identität zusammen zu suchen. 10 Jahre nach der Trennung, 7 Jahre nach der Scheidung – so ein Problem muss Mann erstmal haben, das zu tun. Die gesammelten Ergebnisse übermittelte er meiner jüngeren Tochter, die seit Monaten den Kontakt zu ihm verweigert, um ihr zu demonstrieren, dass dieser Zustand nur bestehe, weil ihre Mutter sie negativ beeinflusse. Meine Tochter war wütend. Auf uns beide.

Das war eine ganze Nummer ernster als die Sache mit der Feuerwehr.

Die gute Seite von Twitter lebt vom Austausch mit Menschen, die ich im realen Leben vermutlich eher nicht kennenlernen würde. Sie lebt von der Neugier auf andere Menschen und deren Gedanken und Gefühle. Deshalb ist ein verschlossener Account auf Dauer für mich nicht die Lösung. Sie begrenzt die Möglichkeiten des Austauschs.

50/50

Ich möchte das Zimmer für mich allein behalten, aber dafür muss ich vermutlich meine Identität wieder ändern. Ich muss? Ich muss nur, wenn ich auf Dauer das Gefühl nicht ertrage, dass mein Ex-Mann weiter mitlesen und mitspeichern und die Ergebnisse seiner Recherchen meinen Töchtern zukommen lassen könnte (oder wem auch immer sonst). Im Moment ertrage ich den Gedanken nicht, aber auf Dauer will ich mich davon nicht bestimmen lassen. Zurzeit steht es also 50/50 für/gegen die erneute Änderung meiner Online-Identität und die Zeit wird eine Entscheidung bringen.

The Rainbow

It’s been a tiresome day.
What sense does all this make? Today I have no answer.
Will I ever have one?
It’s raining cats and hounds while I’m on my way to the train station.
The sun gropes her way to the space between the million drops. And then,
there they are. Fat chickens admire the rainbow and make me laugh.

The Twiglets #146

(So much fun, as always :) I just wonder whether the sun is female, just like in German? I couldn’t find an answer in the dictionaries and deceided it’s creative freedom to declare the sun female).

One more time

Don’t be sad my darling
just let the mild air caress your body
one more time
take the sunhat out and remember
the Baltic Sea’s salty water
and the day we undressed
in the beach chair late at night.
Summer is nothing but a weathered bench these days
a bench we’re sitting on counting all the one more time bits
the bits that our lives are made up of
one more time it is hard to let go.

The Twiglets #143
(Well, I’m looking forward to letting this idea grow a little further. Thanks for the idea, Misky!)

Schwimmen

Ich lief durch diese breiten Gänge des Luxushotels, durch diese Gänge mit den riesig hohen Decken. Unter meinen Füßen wechselte sich Teppich mit schwarz-weißen Kacheln ab, auf denen meine Schuhe quietschen. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Auch die Vorräume zum Pool waren leer, fast war es ein wenig unheimlich. Ich zog mich um, öffnete vorsichtig die Tür, hinter der ich das Wasser vermutete, und hielt staunend die Luft an. Vor mir lag ein großes Becken, sicherlich 15 Meter lang und fast ebenso breit. Die Sommersonne eines warmen Tages schien über eine Terrasse auf die Liegestühle am Rand. Als ich meinen Blick den Sonnenstrahlen folgen ließ, sah ich durch die Bäume hindurch die Alster.

Irgendwann, als ich kurz über 40 und noch verheiratet war, sah ich im örtlichen Werbewochenblatt eine Anzeige für einen Kurs: „Kraulen für Frauen“. Der Titel amüsierte mich. Ich meldete ich mich an. Der Kurs wurde von einem Mann geleitet, einem Triathlon-Trainer, der seine Frau im Schlepptau hatte. Die trainierte er auch. Seltsame Kombination, fand ich – aber ein paar Wochen lang überließ ich jeden Samstagvormittag meine Kinder ihrem Vater und ging zum Schwimmunterricht. Es war ein einer der wenigen Momente, in denen ich einfach mal für mich war. Danach konnte ich Kraulschwimmen – und ich konnte es nicht. Meistens kam ich mir vor wie ein Walross mit Schnappatmung, nach wenigen Metern japste ich nach Luft und kam kein Stück mehr weiter. Aber ich versuchte es weiter, ließ mir von meiner Erstgeborenen noch mal die Technik zeigen, sah mir YouTube Videos über Armhaltung und Handstellung an. Obwohl ich nicht regelmäßig übte, waren irgendwann ganz allmählich Fortschritte zu erkennen. Ich ging nicht mehr nach spätestens zwanzig Metern unter, sondern erst nach vierundzwanzig und manchmal auch erst nach vierunddreißig.

Dann kam der Abend in dem Hamburger Luxushotel. (Wie ich dort hinkam, ist eine andere Geschichte). Das Wasser war einigermaßen warm und ich schwamm drauflos. Sehr zu meiner Überraschung schien es diesmal keine Grenzen zu geben für das Kraulschwimmen. Ich schwamm Bahn um Bahn und zum ersten Mal stellte sich das Gefühl des Automatismus der Bewegung ein. Ich kam vorwärts, wenn auch langsam, aber ich kam vorwärts, ohne über Atmung oder die Koordination aus Arm- und Beinschlag weiter nachzudenken. Der Effekt, den ich sonst nur vom Radfahren kenne, setzte ein. Dieser Punkt, an dem die Welt um dich herum verschwindet, die Gedanken sowieso und nur noch die Bewegung das Sein ausmacht.

Kurz wurde ich von einem Mann aus dem ruhigen Fluss der Züge gerissen, der plötzlich am Beckenrand stand und mit mir zu sprechen schien. Tatsächlich aber redete er mit seinem Sohn, der inzwischen im Wasser war. Ich bin so kurzsichtig, dass ich alles, was mehr als zwei Armlängen von mir entfernt ist, nicht mehr richtig erkennen kann. Schon gar im Dämmerlicht. So fangen sie immer an, die schlechten Filme, dachte ich leise kichernd. Ein leerer Pool, eine Frau alleine und dann Auftritt des Bösewichts, der sie dahin meuchelt.

Am Ende einer guten halben Stunde stieg ich widerwillig aus dem Wasser, weil die Schließzeit des Pools nahte. Ich hätte noch viele Runden einfach weiterschwimmen und mich in dem Gefühl der Auflösung im Wasser verlieren können. Selbst die tagelangen Schmerzen in der Schulter waren verschwunden.

Ich zog einen hoteleigenen Bademantel über, klemmte meine Kleidung unter den Arm und hoffte, ich würde den Weg zurück ins Zimmer finden. Kurz vor der letzten Abbiegung begegnete ich einem schwarzen Mann in einer hellen Uniform, der von Zimmer zu Zimmer lief und „Room Service!“ rief. Ich dachte an ein altes Gemälde aus den amerikanischen Südstaaten zur Zeit der Sklaverei. Er grüßte vergnügt und sagte etwas, was wie „Sport!“ klang. Ja, antwortete ich. Ich liebe schwimmen! Jetzt noch mehr! Der Fußboden quietschte wieder unter meinen Füßen und ich wünschte, ich könnte diesen Moment für immer konservieren.

Am nächsten Tag einigten wir uns nach dem Frühstück schweren Herzens darauf, den Bademantel, den ich aus dem Pool mitbrachte, nicht zu stehlen.

Words

Your hair became what mine had always been. (Grey).
The kids grew up. Exhaustion covered
all my feelings so many times,
while winters came and went by.

Our words though, those countless words,
tender like the sky in early June,
they never tired, they never became old.

The Twiglets #129

#Europawahl2019

In meiner Kindheit gab es Sonntage, über denen eine unbestimmt ernsthafte und auch feierliche Stimmung lag. Irgendwann im Laufe des Tages traten meine Eltern den kurzen Spaziergang in die nächstgelegene Schule an, um zu wählen – in der Regel begleitet von mir und meinen Schwestern. Ob man wählen würde, war nie die Frage. Welche Partei auch nicht. Letzteres änderte sich allerdings vor 40 Jahren mit der Gründung der Grünen, jedenfalls was meine Mutter betraf, die mit ihren Wahlentscheidungen immer sehr offen war. Später wurde Punkt 18 Uhr der Fernseher angestellt und alle guckten konzentriert die Ergebnisse.

Ich habe das erste Mal per Briefwahl von Amerika aus gewählt, das Europaparlament 1984. Die Unterlagen hatte mir meine Mutter geschickt.

Als ich vor ein paar Jahren meine Tochter mit in die Wahlkabine nehmen wollte, wurde ich von den Wahlhelferinnen unfreundlich gemaßregelt: das ginge auf keinen Fall, Wahlgeheimnis und so weiter. Vielleicht täuscht mich die Erinnerung, aber ich meine, dass ich als Kind mit meiner Mutter auch in der Wahlkabine war.

Heute darf meine Erstgeborene zum ersten Mal wählen. „Ich gehe schon mal duschen, wenn du Brötchen holst“, verkündete sie gutgelaunt gleich nach dem Aufstehen. „Damit wir dann gleich wählen gehen können!“

Geht wählen, Leute. Wählt notfalls das kleinste Übel, aber wählt. Verachtung für Demokratie führt zu nichts, außer in die Diktatur.

Swimming

A couple of strokes
go along with inhaling
May’s cold air

No one is in the way

The water is an ally of
my feelings, together
they suck my bones clean

And maybe,

maybe in ancient times
I used to be
an aquatic invertebrate

The Twiglets #124




Simplicity

 

Nothing so simple
As holding my face towards the sun
In spite of the seagulls
Scolding me

Nothing so simple
As letting myself fall
Into a haystack
When I’m tired of being a fighter

Nothing so simple
Nothing so hard

The Twiglets #123

Well, I’m not sure if I really like this one. But I do like the idea behind The Twiglets: „A polished piece isn’t the goal; creativity is“.