Aus einem Interview mit Robert Menasse

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Vermissen (II)

 

Es liegt ein rotblauhelles Dämmerlicht über dem Viertel,

und ein Paar joggt durch die Einkäufer von Weihnachtskram –

unter tausend kleinen Lampen scheinen die Augen zu erblinden,

nur mein graues Haar glitzert angemessen,

ich aber, muss ich hier wirklich sein?

Ach!

Ich sehne mich zurück in die Nächte,

in denen dein Schnarchen meine Schlaflosigkeit hütet,

die Nächte, in denen der Tag um 4:30 Uhr mit dem Hahnenruf anbricht.

Ich sehne mich zurück zu den kleinen wohligen Schauern,

die deine Gegenwart durch meinen Körper rinnen lässt,

während sich anderes Federvieh lautstark beschwert.

Ach!

Rufe ich den glühweintrunkenen Käufern entgegen,

ach, wo kämen wir hin, wäre das Glück selbstverständlich!

Wir wüssten nicht was wir vermissten,

wir wüssten nicht was wir hüten müssen!

Und das Leben wäre gar nicht mehr schmerzlich schön.

 


Ein Versuch über Sehnsucht und Behütet werden, letzteres inspiriert von Diana, und mit von Hannah geliehenen Ausrufezeichen :)

Fallobst (4)

Leise glitzernd legt sich deine Gegenwart über meine Haut, doch auch deine Abwesenheit streichelt meinen glücklichen Kern. Ich vermisse dich und ich vermisse dich nicht; aus beidem besteht meine Liebe zu dir (und die Sehnsucht ist die aufdringliche Voraussetzung des Begehrens). Starke Mauern sind es, die wir in den Jahren zusammen bauten, starke Mauern aus Wörtern und verstohlenen Blicken.


(*)
Ich bin mir schon lange darüber im klaren, wie /
gefährlich Sehnsucht sein kann, sie ist die /
übertriebenste,
aber auch die unaufdringlichste /
Strategie der
Enthaltsamkeit.

Thomas Kunst, aus: Kunst. Gedichte 1984 – 2014

Kraftlos

 

Der Milchschaum schwappt im Kuss der Windbö & derweil
klettert die Kälte unter der Anzughose das Bein hinauf,
als ob die ganze Novembertraurigkeit in die Haut schnitte.

Diese Jahreszeit ist das zähe Warten am Bahnhof,
die Minuten beobachtend bis der Zug mit den Kindern endlich eintrifft,

vermutlich haben selbst die Engel nasse Füße
& die Strandkörbe im Winterquartier sind fröhlicher als ich.

Widerstrebend verscheuchte ich den Moment,
stolpere die Leere verwünschend ins Taxi.

Liebes Gott hat immer Überraschung! erklärt mir die Fahrerin.
Really?

Soll ES mir doch mal eine schicken, sage ich,
aber bitte nur eine schöne! Alles andere verkrafte ich heute nicht.

Was bleibt

 

Woche sechs, Woche sieben, ich habe aufgehört zu zählen,
ich vermisse dich jeden verdammten Tag.

Manchmal, beim Warten auf die U-Bahn, meine ich deine Haut zu spüren,
dünn wie Pergamentpapier, aber viel weicher,
und über dem rechten Handgelenk pocht der Puls
am Eingang für den Shunt.

Sieh mal, winke ich in den wolkenverhangenen Himmel,
sieh mal, an meiner Bluse bleibt immer ein Knopf offen
zur Erinnerung an die Kunst mit zerstörten Fingern Knöpfe zu öffnen!

Ich lächele dem Gedanken leise hinterher,
während die Welt ein weiteres Mal in eine kleine Kugel zusammenschrumpft.

Weihnachtsgeschenk

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„Sowas wird ja nicht so oft bestellt, das ist morgen gleich da“, sagte meine Buchhändlerin als ich mir am 22.12. noch selber ein Weihnachtsgeschenk machen wollte. Es wäre schön, wenn das „Sowas“ zukünftig viel gelesen würde, soviel steht nach dem ersten kurzen Blick fest: „Herzweise“ – 100 Gedichte der Gegenwart, herausgegeben von Hannah Buchholz und Á.M. Perezáno. Darin versammelt sind Gedichte meiner hiesigen Lieblingslyrikerinnen Simone Lucia Birkner, Sandra Blume, Diana Jahr und der beiden Herausgeber (die auch zu den ersteren zählen). Der Verlag in der Lindenstraße hat den Texten die passende Form gegeben, einen festen, schlicht-farbig gestalteten Einband und festes Papier. Ich freue mich schon aufs Lesen, darauf, immer eines nach dem anderen langsam wirken zu lassen und dann noch mal anzusehen. Vermutlich werde ich das ganze nächste Jahr daran Freude haben.


Herzweise
100 Gedichte der Gegenwart

Simone Lucia Birkner
Sandra Blume
Hannah Buchholz
Diana Jahr
Á. M. Perezáno

Hrsg. von Hannah Buchholz und Á. M. Perezáno
Verlag in der Lindenstraße, 2017

Ca. 14 EUR

 

 

 

Wie man ein gutes Gedicht schreibt.

Ein gutes Gedicht braucht „Eine Ausstrahlung,
die aus innerer Harmonie resultiert“ – Á.M.Perezáno. Ein Text aus dem Jahr 2012: viel zu gut, viel zu schön (lehrreich), als dass er unbeachtet liegen sollte.

Á.M. Perezáno ∙ Autorenwebsite

Wann ist ein Gedicht gut? – Ich habe diese Frage lange verdrängt,
habe mich nicht festlegen wollen auf ein stupides Muster.
Es ist wohl so, dass ein gutes Gedicht Charisma braucht. Eine Ausstrahlung,
die aus innerer Harmonie resultiert. Es muss uns einen natürlichen Respekt abverlangen.
Ein gutes Gedicht muss souverän sein, integer – in dem Sinne, dass es durch seine
innere Abgeschlossenheit zu einer Maxime werde, – sowohl in Botschaft als auch Form.
Ein gutes Gedicht wird selten geschrieben. Es wird empfangen. Meist nur geträumt.
Die Geburt eines Gedichts ist wie die Geburt eines Sommers: Die erste Schwere weicht bald dem Wissen um die bevorstehende Reifung. Jeder Vers ist der Anfang eines Sommers.
Gedichte wollen nicht literarisch sein, sondern lebendig.
Sie wollen Seele verkörpern.
Es reicht oftmals nicht, von den Worten zu wissen. Die Worte müssen in dir eine Heimat
finden. Sie müssen sich dir anvertrauen.
Es genügt nicht, den…

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