Unerwünschte Schneckenpost

An einem Tag im Mai holte ich nachmittags einen Brief aus dem Briefkasten, an mich adressiert, handschriftlich, ohne Absender. Ich wunderte mich. Es gibt nicht mehr viele Leute, die mir altmodische Post schicken, und die schreiben ihren Absender dazu. Ich riss den Brief auf und es fiel mir ein Foto entgegen, das mich mit ungefähr 15 Jahren zeigte. Auf der Rückseite stand eine Handynummer und ein halber Satz: „wenn du auch neugierig bist, ich bin es sehr“. Weiter nichts, kein Name, keine Adresse. Irritiert starrte ich auf die Schrift und ganz langsam fiel mir ein, dass das nur von meiner ersten Liebe stammen konnte. Anfang der achtziger Jahre. Eine erste Liebesgeschichte mit einem viel älteren Mann, viel unglücklicher als es auch unglückliche erste Lieben sein sollten. Ich erkannte die Handschrift; als wir uns kennenlernten schrieben sich die Leute noch mit der Hand Briefe.

Das Leben mit Ende vierzig hat was Gutes. Schmerzliche Erinnerungen verwischen in den zurückliegenden Jahren, sie werden klein und banal. Wenn es gut geht – und was mich betrifft, ist es gut gegangen. Aber nun war die Vergangenheit und damit die Erinnerung mit einem Brief wieder in die Gegenwart gezerrt. Ich war sauer und fühlte mich gestört.

Gleich am Tag danach bekam die Geschichte allerdings eine grandios komische Wendung. Eine meiner Freundinnen, die deutlich älter ist als ich, erzählte mir von einem Besuch bei ihrer Mutter. Die Mutter, inzwischen fast 90 Jahre alt, schob meiner Freundin einen Zeitungsartikel aus der örtlichen Dorfpresse mit der Bemerkung „Guck mal, das war doch dein erster Freund!“ über den Tisch. Dieser erste Freund war gerade aus Altersgründen von seinem Amt als Provinzbürgermeister zurück getreten. Wir lachten über diese fast gleichzeitige Konfrontation mit unserer Jugend, die bei ihr noch viel weiter zurück lag als bei mir. Und über die Tatsache, dass auch dieser Mann viel älter war als sie, eine Gemeinsamkeit, die wir bis dahin noch nie festgestellt hatten.

Ich warf Google an, um nach dem Absender meiner Fotopost zu suchen. Obwohl er einen hunderttausendfach verbreiteten Nachnamen hat, dauerte es keine fünf Minuten und ich fand einen Artikel und ein Bild. Nun wusste ich, dass er Rentner ist und sich in seinem Stadtteil regelmäßig mit einer Gruppe alter Leute zum gemeinsamen Kochen trifft. Kochen sei eines seiner Hobbys. Meine Freundin tat es mir nach – und stieß neben zahlreichen unfreiwillig absurden Artikeln aus der süddeutschen Dorfpolitik auch auf Fotos, die ihre Jugendliebe beim Kochen in der Kirchengemeinde zeigte. Kochen sei sein Hobby. Danke, Google! Mein Unbehagen über die unfreiwillige Konfrontation mit uralten Geschichten löste sich in großer Erheiterung auf.

 

 

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