Der Akkordeonspieler vom Spritzenplatz

Viele Jahre lang begleitete ein Akkordeonspieler meinen Alltag. Er spielte tagaus, tagein bei jedem Wetter auf dem Spritzenplatz oder vor dem Mercado. Er war ein auffällig kleiner Mann, nur etwa 1,55 Meter groß; immer in einen alten schwarzen Anzug gekleidet und mit einen Hut auf dem Kopf, strahlte er eine große Würde aus. Wenn er lächelte, kamen viele Zahnlücken zum Vorschein. Irgendjemand erzählte mir, er sei ein bulgarischer Rom, der mit seinem Akkordeonspiel seine ganze, in der alten Heimat zurück gebliebene Familie ernähre. Selbst ein durch und durch unmusikalischer Mensch wie ich konnte hören, dass er sein Instrument meisterhaft spielte. Ich liebte die Klänge, die er dem Akkordeon entlockte. In meinem anstrengenden Alltag war er eine beruhigend verlässliche Konstante und berührte immer wieder auf eine freundliche Art meine traurige Seiten. Im Sommer hörte ich ihn Abends oft noch lange von weitem, wenn ich das Fenster im Wohnzimmer offen hatte. Manchmal hatte er noch zwei andere Musiker an seiner Seite, die ihn mit Klarinette, Gitarre oder einem zweiten Akkordeon begleiteten. Diese Kombination war ebenso großartig wie er alleine.

Anfangs schickte ich die Töchter vor, ihm Geld in seinen Akkordeonkasten zu legen. Mit der Zeit grüßten wir uns von weitem. Wie er wohl lebt, wenn er nicht hier sitzt und spielt? dachte ich, aber ich habe mich seit jeher schwer getan, fremde Leute einfach so anzusprechen. So kreuzten sich täglich unsere Wege, aber wir redeten nie miteinander. Ich fühlte mich an Peter Bichsels Geschichte von Frau Blum erinnert, die gerne den Milchmann kennenlernen möchte, der ihr im Morgengrauen die Milch vor die Tür stellt. Eine Geschichte, die mich als Kind sehr beschäftigt hat.

Eines Tages war der Akkordeonspieler fort. Ich begann mir Sorgen zu machen, hoffte, dass man ihn nicht abgeschoben hätte. Es war eine Zeit, als der Hamburger Senat meinte, sich an der Abschiebung der osteuropäischen Roma beteiligen zu müssen. Ein paar Wochen vergingen, dann war er wieder da. Ich gab mir einen Ruck und sprach ihn an. Ich will ja nicht enden wie Frau Blum, dachte ich. Ich stellte fest, dass er nur eine Handvoll Deutsch konnte und fand nicht heraus, wo er so lange gewesen war.

Im vorletzten Sommer filmten die Töchter mit meinem iPhone einen seiner Auftritte mit seinen „Kollegen“, wie er sie nannte. Ich zeigte ihm den Film und auch einen kurzen Film von Tochter zwei, die inzwischen in der Schule Akkordeon spielte, und dem Instrument drei bis fünf Töne entlocken konnte. Dabei erfuhr ich, dass sein Akkordeon kaputt war, er von einem Verwandten eines geliehen hatte und viel Geld für die Reparatur brauchte. „Viele Sorge“, sagte er.

Als wir dieses Jahr aus den Sommerferien zurück kehrten, war er nicht mehr da. Ich dachte, er werde sicher wie beim letzten Mal irgendwann wieder auftauchen, da erzählte mir ein Bekannter aus dem Viertel, dass er an einem Schlaganfall gestorben sei. Ich hoffte immer noch auf einen Irrtum, aber dann erhielt ich auf verschlungenen Wegen eine E-Mail, die die Nachricht seines Todes bestätigte. Nun hatte der vertraute Fremde auch einen Namen: Marin Vasilev. Und Dank eines Artikels in Hinz&Kuntz erfuhr ich seine Geschichte.

Am kommenden Samstag, 14. September 2013, findet zwischen 17 und 19 Uhr auf dem Spritzenplatz in Ottensen eine „offene musikalische Gedenkfeier“ für Marin Vasilev statt. „Weggefährten, Freunde und Nachbarn wollen an dieser Stelle von einem Ottenser Original Abschied nehmen“, heißt es in dem Einladungstext. Welch‘ eine schöne Idee. Ich vermisse ihn noch immer jeden Tag, wenn ich den Spritzenplatz überquere.

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