Die Entschleunigung. Ein Besuch im Strandbad Wannsee

Ben höchstselbst hatte mir die Idee in den Kopf gesetzt: An einem Tag unserer Berlinsommerferien wollte ich mit meinen Töchtern das Strandbad Wannsee besuchen, eines der größten Freibäder an einem Binnengewässer Europas, wie es bei Wikipedia heißt.

Ein Anruf bei den Berliner Bäder-Betrieben ergab im Vorfeld, ja, das Bad sei barrierefrei, also konnten wir alle zusammen hin. Es war ein warmer Nachmittag Mitte August, Sonne und Wolken wechselten sich ab, aber wenn die Sonne heraus kam, war es sehr warm. Leider hatten wir übersehen, dass das Bad nicht wie vermutet 200 m hinter der S-Bahn-Station liegt, sondern eher 2,5 km. Auf diese Weise entwickelte sich der Hinweg zu einer umfangreichen Wanderung durch etwas abgelegene Berliner Ecken. Doch – die Kinder waren fröhlich, Ben vergnügt und der Weg das Ziel, auch wenn wir uns das anders vorgestellt hatten.

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Denjenigen, die immer über die Hektik und Geschwindigkeit des Lebens klagen und trotzdem nicht in der Lage sind, sich selber zu entschleunigen, kann ich nur empfehlen, sich von einem Rollstuhlfahrer unterstützen zu lassen. In Begleitung eines Rollstuhlfahrers tritt die Langsamkeit sofort und angenehm ein.

Endlich angekommen bekamen wir an der Kasse eine Kostprobe der Berliner Ruppigkeit serviert. „Kann ich den Rollstuhl mal sehen“, patzte mich die Frau an der Kasse an, als ich den Eintritt bezahlen wollte – zumindest in meinen Ohren klingt der Berliner Tonfall und diese spezielle Wortwahl der Leute patzig. „Ich habe nur einen Freund hier, der zufällig im Rollstuhl sitzt, und er steht um die Ecke“, sagte ich, aber sie wirkte nicht, als hätte sie den Hinweis verstanden. „Und den Schwerbehindertenausweis hätte ich auch gerne!“, setzte sie noch hinterher. Als das geklärt war, tat sich ein großartiger Blick von oben über die riesige Anlage des Freibades auf. Der Weg hat sich schon jetzt gelohnt, dachte ich.

Gleichzeitig wurde deutlich, was die Berliner Bäder-Betriebe unter barrierefrei verstehen. Wer auf zwei Beinen eine Treppe hinunter laufen kann, nimmt eine breite Treppe direkt runter zum Strand. Alle anderen fahren einen großen Umweg außenrum. Außenrum ist diesem Fall ein breiter, ziemlich abschüssiger und unebener Weg, der in einem großen Bogen um die Anlage herum zum Strand und zum Wasser führt. Da die Anlage groß ist, ist der Weg lang. Ben bremste den Rollstuhl mit den Händen, Veronica zog von hinten in die Gegenrichtung – nur so war ein kontrolliertes Herunterfahren möglich. „Es wäre eine gute Idee gewesen“, merkte Ben an, „hier rechts und links Stangen zu befestigen, an denen ein Rollstuhlfahrer sich festhalten kann“. Auf diese Weise könne auch jemand runter fahren, der nicht in Begleitung von zwei kräftigen Teenagern und einer erwachsenen Frau sei. Aber so? Keine Chance dort alleine herunter zu kommen.

(Als wir am nächsten Tag in der Charité waren, sah ich was Ben meinte. Ein breiter Flur war an den Seitenwänden mit runden hölzernen Stangen ausgestattet. Ein Junge im Rollstuhl hangelte sich mit einer Hand an den Stangen entlang und lenkte mit der anderen seinen Rollstuhl. Auf diese Weise kam er leichter vorwärts).

Nach ein paar hunderten Metern Abstieg hatten wir in Gestalt der glatt betonierten Strandpromenade in meinen Ohren wieder festen Boden unter Füßen und Rollen, und ziemlich verschwitzt einen ersten Eindruck von dem weitläufigen Strandbad. Zeit erstmal für eine Portion Pommes Frites und einen Blick aufs Wasser, denn was wäre ein Freibadbesuch ohne Pommes und Cola. Dann waren es noch ein paar weitere hundert Meter bis zu einer ebenfalls betonierten Strandpromenade, die in der Mitte des Geländes auf den Strand führt. Rechts und links davon sind die Strandkörbe für behinderte Menschen reserviert, ausgezeichnet mit einem Rollstuhlpiktogramm.

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Eigentlich eine gute Idee – nur leider ist die Kante von dem mittleren Steg herunter zum Strand auch noch mal mindestens 15 cm hoch. Keine Chance, ohne weitere Unterstützung nach unten in den Strandkorb zu gelangen. Für jemanden wie Ben, der mithilfe von Prothesen und Krücken noch aufstehen und ganz kurze Strecken laufen kann, war dies schon eine ziemliche Hürde und ich vermag mir nicht vorzustellen, was jemand tut, der seine Beine gar nicht bewegen kann.

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Die Anstrengung wurde belohnt mit einem großartigen Blick über den ganzen See. Wir verbrachten die nächsten Stunden mit allem, was in einem Freibad Spaß macht;  schwimmen, von einer steilen Rutsche ins Wasser plumpsen, einen Plastikball hin- und herwerfen. Nicht zuletzt konnte man im Strankorb hocken und sich einfach Sonne und Wind um die Nase wehen lassen.

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Gegen sieben schallte es dann durch den Lautsprecher über das ganze Bad: „Sehr geehrte Badegäste in einer Stunde schließen wir das Bad. Wir bitten alle Kinderwagen und Rollstuhlfahrer rechtzeitig den Rückweg anzutreten, damit sie um acht wieder am Ausgang sind“. Witzig. Kinderwagen waren weit und breit nicht zu sehen; die einzigen (in dem ohnehin recht leeren Bad) in Begleitung eines Rollstuhlfahrers waren wir. Der Weg herunter hatte uns ja nun unmissverständlich klar gemacht, mit was für den Rückweg zu rechnen war.

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Bei mir machte sich Müdigkeit breit, aber die Kinder waren unbeirrbar. Lotta, die es nun endlich geschafft hatte ihrer großen Schwester das Schieben von Ben zu entreißen, nahm den Aufstieg in Angriff. „Ben, ich habe einen Witz für dich“, erklärte sie ihm, gerade so, als säßen wir noch gemütlich im Strandkorb. „Was haben Kannibalen in der Dusche?“. „Keine Ahnung“, lachte Ben vor ihr. „Head and Shoulders!“.

Oben angekommen, holten wir alle erst einmal Luft. „Süße, deine Schnürsenkel sind offen“, sagte die Frau an der Kasse zu Lotta. „Mach‘ die mal besser zu, nicht dass hier jleich noch jemand jeschoben werden muss“.

„Das gilt es unbedingt zu verhindern“, sagte ich. Und dann nahmen wir den Bus zur S-Bahn.

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