#48stundenalleinerziehend

Mutterseelesonnig von https://mutterseelesonnig.wordpress.com/2017/04/09/48-stunden-alleinerziehend/ hat eine wie ich finde großartige Aktion gestartet. Sie ruft alleinerziehende Frauen auf, zwei Tage, 48 Stunden, ihres Alltags zu beschreiben. Auf dass alle diejenigen, die sich jetzt vor der Bundestagswahl mit familienpolitischen Ideen übertreffen, merken mögen wie das Leben Alleinerziehender wirklich aussieht. Und nicht nur die. Dafür verlasse ich sehr gerne mal die Poesie und hier ist mein Protokoll.

Erster Tag

06:15 Uhr

Der Wecker klingelt, aber vor 06:40 Uhr komme ich meistens nicht aus dem Bett. Sollte ich in diesem Leben noch mal Zeit haben, werde ich ein Volksbegehren einleiten, dass Schule nie vor 9 Uhr beginnen darf. Für jeden Blödsinn gibt es ein Volksbegehren; das wäre mal was Sinnvolles. Im Halbschlaf überfliege ich noch im Bett Meldungen auf Facebook und Twitter, Bilder bei Instagram, das hilft beim Wachwerden.

Ich koche mir einen Tee und mache aus dem zweiten Aufguss einen für Tochter Eins. Wecke Tochter Zwei, die sich mit dem frühen Aufstehen genauso schwer tut wie ich. Tochter Eins ist meistens schon wach. Sie hat eine Reihe gesundheitlicher Probleme und ich weiß nie, mit welchen Beschwerden und mit welcher Laune sie aufwacht.

06:50 Uhr.

Ich habe für Tochter Zwei und mich Porridge gekocht und setze mich zu ihr ans Bett. Essen und aufpassen, dass sie nicht wieder einschläft. Tochter Eins liest in ihrem Bett Online Nachrichten. Das Frühstücksbrot, das ich ihr gemacht habe, lässt sie dann doch liegen.

Zwischen 07:10 Uhr und 07:40 Uhr

schmiere ich Schulbrote, überrede Tochter Zwei zum Haare kämmen und versuche ihr auszureden, dass sie sich fünfmal umzieht. Tochter Eins meckert rum, ihre Schwester solle gefälligst irgendwas anziehen, wen kümmere es schon, wie sie aussehe. Sie schließt sich im Bad ein und schreit los, als ich rein will. Ich ziehe mich soweit an, dass ich durchs Treppenhaus laufen und die Räder rausstellen kann. Die Räder müssen aus dem Hinterhof über zwei Treppen gehievt werden, das schaffen die Mädchen noch nicht alleine, also mache ich es. Drei Räder morgens raus, drei abends zurück rein und immer dran denken, dass nicht eins draußen bleibt. Räder sind in Hamburg begehrtes Diebesgut. Als ich wieder oben im zweiten Stock bin, sind die Mädchen auf der Suche nach Handschuhen, Schals oder sonst irgendwas und ich antworte mit dem Satz, den ich in solchen Fällen immer sage: Ich weiß es nicht und ich weigere mich auch, es zu wissen.

07:45 /07:50 Uhr

fahren beide zur Schule los, die gleich um die Ecke liegt und mit dem Rad in 10 Minuten zu erreichen ist. Zum Glück. Ich hole einmal tief Luft, räume das Nötigste in der Küche zusammen, wasche mich und ziehe mich fertig an.

Zwischen 08:15 und 08:30 Uhr

fahre ich mit dem Rad ins Büro, wenn ich nicht gerade Termine bei Auftraggebern habe. Ich bin mit einem Kollegen zusammen selbständig und erwirtschafte monatlich nicht nur mein Einkommen und den Lebensunterhalt für die Töchter, sondern auch noch den für einen Angestellten und den Lohn für eine Buchhalterin auf Minijobbasis. Unterhalt für die Töchter habe ich von ihrem Vater schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Seit etwas mehr als einem Jahr hat er wenigstens tageweise wieder Arbeit und hat neuerdings angefangen sporadisch mal kleine Beträge zu zahlen, die ihm gerade in den Kopf kommen. Länger schon habe ich die Unterlagen auf meinem Schreibtisch liegen, um Zwangsmaßnahmen einzuleiten, bin aber bis jetzt zu träge gewesen, das durchzuziehen. Ein Luxusproblem. Ich bin nicht drauf angewiesen, auch wenn ich keine Reichtümer verdiene. Ich bin froh, dass in Sachen Umgang Ruhe ist, weil die Mädchen das inzwischen selber bestimmen.

Mir geht es gut. Aber …

Aber der Druck, der bleibt. Der Druck, dass ich nicht krank werden darf, nicht ausfallen darf und dass immer neue Aufträge kommen müssen – dieser Druck bleibt.

Heute ist die Buchhalterin im Büro und springt wie immer sofort auf, um mir Kaffee zu machen. Als sie zuerst bei uns anfing, war mir das ein wenig peinlich. Ich wollte nicht als die Chefin da stehen, die von ihren Angestellten solche Servicearbeiten verlangt. Dann erzählte sie, sie habe viele Jahre in der Gastronomie gearbeitet. Es muss eine Art lang eingeübter Reflex sein, dachte ich. Inzwischen ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass es gut tut, wenn sich mal jemand um mich kümmert.

Bis 16:00 / 16:30 Uhr

halte ich die mehr oder weniger komplizierten Anliegen meiner Auftraggeber und die internen Dinge unter Kontrolle, telefoniere, schreibe, koordiniere. Ich mache nur selten mal richtig Mittagspause, meistens esse ich am Schreibtisch ein Müsli oder ein Brötchen. Auch das muss eine lang geübte Gewohnheit sein aus der Zeit, als ich wegen der Kinder später ins Büro kam und um 14:30 Uhr wieder in Richtung Kindergarten / Hort aufbrechen musste. Es galt keine Minute zu verlieren, die mit Arbeit gefüllt werden konnte. Ich kann heute noch stundenlang ohne Pause äußerst konzentriert arbeiten.

Um 16:30 Uhr

kommen Nachrichten von Tochter Eins. Ob ich auf dem Rückweg sei? Ob ich wisse, wo die kleine Schwester sei? Könnte ich auf dem Rückweg Spinat mitbringen, sie brauche den fürs Abendessen? Tochter Eins ist eine leidenschaftliche Köchin und kümmert sich öfter mal ums Essen machen am Abend.

Ich packe zusammen, hole den Spinat und alles, was sonst noch fehlt und bin

gegen 17:00 Uhr

zu Hause. Tochter Zwei kommt kurz nach mir, sie war nach der Schule mit Freundinnen Eis essen. Die Mädchen gehen auf eine in Hamburg so genannte Stadteilschule und haben an vier Tagen der Woche erst um 16:00 Uhr Schulschluss. Hausaufgaben entfallen weitgehend.

Zwischen 18:00 und 19:00 Uhr

essen wir zu Abend, mitunter auch später, wenn ich noch unaufschiebbare Arbeit habe. Das gemeinsame Kochen und anschließende Abendessen ist eigentlich die schönste Zeit des Tages, wir erzählen uns alles Wichtige oder lachen über die einfältigsten Witze. Tochter Eins ist erschöpft, hat dunkle Ringe unter den Augen und verzieht sich noch bevor alle aufgegessen haben in die Badewanne. Tochter Zwei ist die langsamste Esserin, die es gibt; sie vergisst über den Gesprächen auch mal das Weiteressen. Ich bleibe mit ihr sitzen, bis auch sie fertig ist. Anschließend räume ich die Küche auf und nehme die nasse Wäsche aus der Maschine.

20:00 Uhr

ist Tagesschau-Zeit, so old school bin ich noch. Die Kinder schieben sich rechts und links von mir aufs Sofa, wir gucken zusammen und diskutieren die eine oder andere Meldung.

20:30 Uhr.

Tochter Eins geht ins Bett; sie liest oder schreibt am Handy mit Freundinnen. Tochter Zwei wird noch mal richtig munter und dreht im Bad Musical.ly. Ich klappe meinen Laptop auf, weil mir die Vorbereitung für einen Workshop am nächsten Tag Gedanken macht, und ich das Gefühl nicht loswerde, nicht gut genug vorbereitet zu sein. Es ist schwierig, mich noch zu konzentrieren. Ich bin müde, aus dem Bad plärren immer dieselben Endlosschleifen Musikschnipsel und Tochter Eins ruft aus ihrem Zimmer, das solle jetzt aufhören. Sofort! Zwischendurch kommt Tochter Zwei rein und möchte Kommentare zu ihren Kurzfilmen – die ich ihr natürlich auch gerne geben will.

Um 21:15 Uhr

fange ich an, Tochter Zwei ins Bett zu jagen. Sie ist knapp 13 und deutlich später müde als die große Schwester. Vor allem das Haare Kämmen braucht Zeit. Sie hat langes, sehr dichtes Haar, das sofort filzt wenn es nicht dauernd gründlich mit der Bürste bearbeitet wird. Das muss ich aber anmahnen oder auch mitmachen. Während sie sich heute selber kämmt hänge ich die Wäsche auf, hole ein auf der Straße vergessenes Rad rein und unterschreibe irgendwelche Zettel, die für die Schule gebraucht werden. Bespreche mit Tochter Eins, wer am nächsten Tag wann wo sein muss und was wir essen. Tochter Zwei ruft mir die englischen Vokabeln zu, die sie am nächsten Tag können muss. Zum Glück lernen sie beide leicht und ich muss mich darum nicht viel kümmern.

22:00 Uhr.

Tochter Zwei ist im Bett und ich sinke aufs Sofa. Beschließe, die Unordnung in Bad und Flur ihrem Schicksal zu überlassen. Als ich gerade die Zeitung aufgeschlagen habe, steht Tochter Zwei wieder auf. Sie sorgt sich um eine Angelegenheit aus der Schule, möchte kuscheln und meinen Rat.

22:30 Uhr

ist sie beruhigt und geht wieder ins Bett. Ich auch. Ich lese noch ein paar Seiten in meinem derzeitigen Lieblingsbuch und schlafe dann.

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Zweiter Tag

03:30 Uhr

bin ich wieder wach. Hellwach. Der Gedanke an unerledigte Pflichten und unbezahlte Rechnungen, die Sorge um die Gesundheit der Großen, und auch die ganze Traurigkeit nach dem Tod eines engen Freundes stehen wie eine Wand zwischen mir und den Schlaf. Irgendwann schlafe ich doch noch wieder ein, aber als um 06:10 Uhr der Wecker klingelt bin ich völlig gerädert. Solche Nächte sind im Laufe der Jahre seltener geworden, aber leider nicht ganz verschwunden.

Die Mädchen sind zum Glück friedlich;

heute Morgen

gibt es kein Gezanke und Geschrei. Tochter Eins ist nicht fit und beschließt erst später in die Schule zu gehen. Ich denke kurz daran, wie mühselig es war bis der sogenannte Nachteilsausgleich bewilligt war, der ihr unter anderem dieses Recht einräumt. Wie oft ich mir in der Schule den Mund fusselig geredet habe, um begreiflich zu machen, dass auch eine Krankheit, die man nicht sehen kann, immense Probleme bereiten kann und nein! Ihre Probleme haben handfeste körperliche Gründe und kommen nicht von der Psyche, weil die Eltern getrennt sind und der Vater dauernd Stress macht.

Ich muss früher als sonst aus dem Haus, muss um 07:40 Uhr in der Bahn sitzen und auf dem Weg zu einem Auftraggeber sein.

07:10 Uhr

stelle ich die Räder vor die Tür. Ein kurzer Blick in den Spiegel beim Einsammeln meiner Sache ergibt, ich sehe angemessen förmlich aus. Ich erinnere die Mädchen noch an verschiedene Dinge, die im Laufe des Tages gemacht werden müssen und laufe zum Bahnhof, wo der Zug pünktlich ist.

Um kurz vor 09:00 Uhr

habe ich mein Ziel im Hamburger Umland erreicht. Ein Mitarbeiter meines Auftraggebers holt mich vom Bahnhof ab. Es erwartet mich eine Gruppe von fünf Männern, mit denen ich in einem Workshop zu verschiedenen unternehmensinternen Fragen bearbeiten soll. Ich bin sozusagen die Moderatorin, muss mich aber in unzählige Abläufe hineindenken, die ich nicht kenne. Ich muss aufpassen, dass der rote Faden nicht verloren geht, die Stimmung gut bleibt und die Eitelkeiten in vertretbarem Rahmen. Ich muss die Ergebnisse festhalten, Ziele definieren und auch mal unangenehme Einsichten freundlich verpacken.

Als wir um 16:00 Uhr fertig sind,

kann ich mich selber nicht mehr reden hören und steige mit leerem Kopf wieder in den Zug, der glücklicherweise gleich da ist. Der Versuch, unterwegs die am Tag aufgelaufenen E-Mails zu sichten und wenigstens noch in Teilen zu beantworten scheitert am Konzentrationsmangel.

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18:00 Uhr

bin ich wieder zurück am heimatlichen Bahnhof. Ich drehe gerade noch eine Runde durch den Supermarkt, als ich eine Nachricht von Tochter Eins lese: Emmy hat das ganze Bad vollgekotzt! Ich halte das für einen schlechten Scherz, aber leider ist es keiner. Tochter Zwei kotzt eigentlich nie.

Kurz vor 19:00 Uhr

bin ich wieder zu Hause, da hat Tochter Eins schon das Schlimmste aufgewischt. Die Kleine liegt bleich und zittrig im Bett und bekommt von ihr die Hand gehalten und vorgelesen. Die eine Hälfte der Wohnung riecht nach Erbrochenem, die andere nach Kuchen. Gleich muss ich mich auch übergeben, denke ich. Die Küche ist komplett verwüstet, weil die Mädchen nach der Schule mit Freundinnen Kuchen gebacken und dann gekocht haben. Weil wir so zentral wohnen und eine große Küche haben, finden solchen Sachen bevorzugt bei uns statt. Überall stapelt sich Geschirr, der Fußboden klebt und wird von einem dicken roten Streifen geziert. Später stellt sich heraus, das ist Lebensmittelfarbe. Leider hätten sie wegen der Kotzerei Aufräumen nicht mehr geschafft, bringt Tochter Eins zu ihrer Entschuldigung vor. Ich bin nach der halb schlaflosen Nacht und dem anstrengenden Tag so fertig, dass mir schwindelig ist. Die Mädchen sind anlehnungsbedürftig.

Die nächsten 2 Stunden

versuche ich die Töchter zu trösten und das Chaos unter Kontrolle zu bringen. Stopfe Bettwäsche in die Waschmaschine und Backutensilien in die Spülmaschine. Tochter Zwei schläft ziemlich bald wie ein Stein. Ich nehme Tochter Eins noch das Versprechen ab, dass sie morgen die Reste der Back- und Kochorgie beseitigt und den Küchenfußboden wischt. Hoffe, Tochter Zwei möge morgen wieder genesen sein. Ich diktiere meinem iPhone zwei Notizen zu Dingen, die ich am nächsten Tag auf keinen Fall vergessen darf.

Um 21:30 Uhr

falle ich auch ins Bett.

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