Warum ich beim Elternabend gefehlt habe

Es war einer der ersten wunderbar warmen Tage in diesem Jahr, ein Donnerstag. Ich hatte einen Tag voller vermeintlich kleiner Verpflichtungen hinter mir, von denen aber jede Einzelne meine volle Konzentration brauchte. Schon morgens um sieben stand der Schornsteinfeger vor der Tür und wollte die Rauchmelder kontrollieren. Dann ein Arzttermin mit Tochter Eins, Telefonate, Gespräche und schließlich ein Vortrag bei einem Betriebsrat über Arbeitsrecht und Datenschutz.

Auf einmal ist das Leben leichter

„Nie war das Leben leichter als gerade jetzt“, sagte ich erst kürzlich zu einer Freundin. Die Mädchen sind – mit einem Mal, so scheint es wenigstens – groß, eigenständiger denn je und die gesundheitlichen Probleme von Tochter Eins ganz gut im Gleichgewicht. Das Gleichgewicht bleibt labil, aber immerhin. Der mehr als sieben Jahre dauernde Streit mit dem Ex-Mann über den Umgang mit den Kindern und die Gesundheitssorge für Tochter Eins hat sich durch Zeitablauf und die Eigensinnigkeit der Mädchen erledigt. Inzwischen haben sie haben nicht viel, aber freiwillig und gerne Kontakt zu ihrem Vater, und bestimmen das Wann, Wo und Wie oft selber. In meinem Leben existiert er nur noch in den Erzählungen der Mädchen und das ist eine riesige Erleichterung.

Eigentlich

Warum erscheint mir dann die anstehende Verpflichtung zu einem Elternabend zu gehen, als eine nicht zu bewältigende Aufgabe?

An jenem Donnerstag saß ich am späten Nachmittag mit Tochter Zwei draußen in der Sonne. Sie aß eine Pizza, die wir in einem der umliegenden Restaurants gekauft hatten. Ich trank Alsterwasser und merkte, wie die Sonne und diese kleine Dosis Alkohol am hellen Tag meinen Kopf entspannte. Tochter Eins war noch irgendwo unterwegs.

Ich hätte ohne weiteres zum Elternabend gehen können. Die Schule liegt gleich um die Ecke und die Töchter sind alt genug, bei solchen Gelegenheiten alleine zu Hause zu bleiben.

Verdammt, ich will jetzt nicht schon wieder Müssen, dachte ich, als ich auf die Uhr sah und klar wurde, ich hätte noch knapp zwei Stunden, dann würde ich aufbrechen müssen Richtung Schule. Knapp zwei Stunden, in denen ich hätte Abendessen ebenso vorbereiten müssen wie die Aufgaben für den nächsten Tag; ich hätte einen Blick auf Hausaufgaben werfen und die gröbste Unordnung in der Wohnung beseitigen müssen.

Klar, es wäre zu machen gewesen. Ich mache das schließlich jeden Tag und bin eine geübte Ich-halte-zehn-Dinge-parallel-unter-Kontrolle.

Die Momente der Ruhe verraten den Preis

Es sind diese immer noch seltenen Momente der Ruhe, in denen ich inzwischen manchmal merke, wie sehr der Alltag und auch die vergangenen Jahre ihren Tribut fordern.

Auch wenn das Leben einfacher ist denn je zuvor, ist es nicht wirklich einfach. Eine Tatsache, die ich gerne übersehen würde, die aber unbestreitbar da ist.

Die lange Liste der täglichen Pflichten

Alles, was andere zu zweit machen, erledige ich alleine. Pubertäre Krisen auffangen. Unterstützen. Diskutieren. Streiten. Streit schlichten. Abends 20:30 Uhr nach einem vollen Arbeitstag mich mit der Interpretation des Höhlengleichnisses eines griechischen Philosophen beschäftigen. Kochen. Die Küche aufräumen. Einkaufen. Vokabeln abfragen. Neue Schuhe kaufen und rechtzeitig merken, dass die alten zu klein sind. Zu Arztbesuchen begleiten. Die medizinische Dokumentation unter Kontrolle halten. Wäsche waschen. Verlegte Schlüssel finden. Trösten. Mut machen. In die Schranken weisen. Ans das Sportzeug denken und an den Beitrag für die Klassenkasse. Heikle Fragen beantworten, „Mama, was ist Oralsex“. Zuhören. Da-Sein. Und natürlich Geldverdienen.

Die Liste könnte über Seiten fortgesetzt werden, die Reihenfolge egal.

Alleine verantwortlich. Immer

Manchmal, so scheint es mir, befördern erst die ruhigen Phasen die Anstrengung so richtig an die Oberfläche. Es sind mitunter gar nicht so sehr die äußeren Anforderungen, die Kraft kosten, sondern das Immer Allein Verantwortlich Sein. Für alles. Die gelegentlich nagenden Zweifel, ob mein Handeln richtig ist.

Es ist noch keine zwei Jahre her, da musste ich nach den Sommerferien ein Ordnungsgeld in Höhe von 300 EUR bezahlen. Die Mädchen waren entgegen eines gerichtlichen Vergleichs zum Umgangsrecht drei Tage später als festgelegt von mir zum Vater in die Ferien gegangen, wofür es gute Gründe gab. Er hätte die drei Tage einfach an seine vereinbarte Ferienzeit anhängen können, was er aber nicht tat und stattdessen das Ordnungsgeld beantragte. Es war das absurde Ende einer absurden, Jahre währenden und überflüssigen Auseinandersetzung, die mich und die Kinder zermürbte bevor sie sich dann endlich erledigt hatte.

Alternativen sind denkbar

Das alles tauchte plötzlich vor meinem inneren Auge auf, als ich an jenem Donnerstagnachmittag mit Tochter Zwei in der Sonne saß und an den bevorstehenden Elternabend dachte. Kein Wunder, dass ich mitunter erschöpft bin, dachte ich – und diesen Gedanken hatte ich mir bis dahin selten erlaubt. Schwäche? Nein, ich doch nicht. Harte Zeiten gibt es doch immer mal.

Nach dem Essen könnte ich am offenen Fenster sitzen und die Zeitung lesen. Ich könnte in Ruhe eine Suppe für den nächsten Tag kochen. Und es gibt sicher noch mehr feine Alternativen zu einem Abend in der Schule.

Ich muss Prioritäten setzen und meine Kräfte einteilen. Im Grunde habe ich das all die Jahre getan, ich habe Dinge liegen gelassen, die nicht für die Kinder oder auch für mich wirklich entscheidend wichtig waren. Aber ich habe es oft mit schlechtem Gewissen getan und es blieb immer noch genug übrig, das kein Liegenlassen duldete. Genug, um mich von morgens um halb sieben bis abends um zehn so zu beschäftigen, dass der Satz von der Zeit für mich wie eine verschwommene Erinnerung an ferne Welten erschien.

Eine klare Entscheidung

Auf einmal jedoch war das Nicht-Tun eine ganz klare Entscheidung, die ich noch nie so bewusst wie an diesem Tag getroffen hatte. Ich würde den Elternabend seinem Schicksal überlassen und weiterhin die Ruhe genießen. Tochter Zwei fand das nicht weiter schlimm, sondern freute sich auf die Fortsetzung unserer gemeinsamen Zeit – anders als in den Jahren zuvor, als ich andere Gründe für meine Abwesenheit bei solchen Gelegenheiten hatte, die eher als Faulheit akzeptiert waren.

Niemand muss verstehen

Am nächsten Tag fragte der Klassenlehrer Tochter Zwei, warum ich nicht beim Elternabend gewesen sei (nach den Gründen der väterlichen Abwesenheit fragte er nicht). Ich schrieb ihm eine E-Mail und legte ihm verkürzt dar, was ich hier beschrieb und fügte hinzu, dass ich volles Vertrauen in seine Arbeit hätte und daher davon ausgegangen sei, dass meine Anwesenheit nicht dringend erforderlich sei. Dass ich die wichtigsten Ergebnisse auch im Protokoll nachlesen könne.

Seine Antwort war freundlich, ließ aber erkennen, dass er nicht wirklich verstand. Anders als in der Vergangenheit nahm ich das ungerührt und ohne schlechtes Gewissen zur Kenntnis. Wäre schön, Leute, wenn ihr versuchen könntet zu verstehen, dachte ich. Wenn nicht, ist es mir aber auch egal. Hauptsache ich verstehe und Hauptsache, ich liebe mein Leben, genauso wie es ist.

(Inspiriert von und mit Grüßen an mutterseelesonnig, stellvertretend für all die anderen alleinerziehenden Bloggerinnen, die mich mit ihren Texten vieles deutlicher sehen lassen).

 

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