Notwehr

Bus

 

Die Telefone klingeln

erst eines, dann noch eins, schließlich alle,

die Leute reden gleichzeitig, und ihre Sätze versuchen sich zu übertönen.

Ja ich dich auch, nein das ist eine Firmenkreditkarte, Schatz was essen wir?

Ich bin im Bus, und wann kommst du? Vielleicht hat sie ihre Tage Alder ey!

Die automatische Ansage: Nächste Haltestelle Schlump

Übergang zur U-Bahn und weiteren Buslinien schiebt sich noch obendrauf.

Die Einzige, die schweigt bin ich, aber ich kann mein Schweigen nicht hören.

Meine Gedankengefühle sind weggerannt, es pfeift in meinen Ohren.

Also nehme ich das Gewehr, das ich aus dem Schrank meines Vaters stahl,

halte es hoch und erzwinge die Herausgabe all dieser Handys. Ich lasse sie

in meine große Tasche fallen. Die Leute fliehen in Angst, nur der Busfahrer lächelt.

Endlich ist ruhig, sagt er mit schwerem Akzent und dann fahren wir beide

mit dem leeren Bus durch die Stadt bis zur Endstation.

Der Plan

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An diesem heißen Junitag setzten wir deinen Plan um
Wir gingen in die Kirche mit den riesigen Holztüren

Wir hörten deine Lieder und die Gebete
Stellten Lilien für dich in die Vase

Nur unsere Tränen hattest du nicht
In die Datei Ablauf Trauerfeier geschrieben

(Vermutlich)

It was a wonderful sendoff

Abends ließ ich die Beine am Fenster baumeln
Betrachtete meinen Körper im Spiegel der Scheibe

Während ich an die Worte des Priesters dachte

Gott tröstet

Da war es auf einmal, unerwartet plötzlich
Das Gefühl, das Rose vorschlug

Gott tröstet

Als die Vögel aufhörten zu schimpfen
blitzte es am roten Himmel

Mir schien ich hörte deine Stimme am Telefon
Dein Lachen durch das Melancholie schimmerte

Als drüben in der Moschee das Fasten gebrochen wurde
Der monotone Gesang ertönte, und Mathilda noch immer Hausaufgaben schrieb

Nahm ich dich in Gedanken mit ins Leben
Leichtfüßig, liebevoll und getröstet

Fast so wie immer

 

 

Der letzte Tag

Noch einmal tun wir die ganz normalen Dinge
Sprechen vom Begehren und schneiden Gemüse

Über uns schwebt das Nie Wieder
Trotzdem immer noch unvorstellbar

Ein tiefer Friede liegt in allem
Nichts blieb ungesagt

Als ob es kein davor und kein danach gäbe
Nur diesen Moment, den mein Herz für immer einfriert

Noch einmal lasse ich meinen Blick über
seinen Arm gleiten. Einst berührte ich ihn so gern

Die Haut wie Pergamentpapier, aber weicher,
Ganz viel weicher und voller brauner Flecken

Beim letzten Kuss geben wir vor
Es sei nicht der Abschied für immer

Zwölf Tage später ist die Stadt leer ohne ihn,
Der Sommer genauso sinnlos wie die Helligkeit der Nächte

Ein dürres Mädchen mit Kopftuch steigt in den Bus, dann
Schlägt mir die Endgültigkeit voller Wucht ins Gesicht

 

Schuhe anziehen

schuhe

 

Da sind die Beine aus Kunststoff mit Stoff überzogen, an der Seite sehe ich ein Loch mit einer Schraube. An den unteren Enden je einen starren Fuß.

Fest und unbeweglich. Von undeutlicher Farbe zwischen braun und beige.

Die Schuhe wurden einmal falsch gekauft aber dann blieben sie.

Fünf lange Jahre.

Acht Ösen und Schnürsenkel auf jeder Seite.

Die Mutter erinnert sich an das Anziehen der Schuhe als die Kinder noch klein waren. Schnürsenkel haben wir damals weiträumig vermieden.

Die Frau, die mit den gering ausgeprägten praktischen Fähigkeiten – die Frau sieht auf die festen unteren Beine, auf die festen Füße und fängt an zu schwitzen.

Erstmal die Schnüre raus, das wird die Sache vereinfachen.

Vielleicht.

Hoffentlich.

Ein komisches Gefühl ist es einen Schuh auf einen Fuß zu ziehen, der kein Fuß ist, aber ein Fuß ist. Der den Schuh für Halt braucht, den er nicht fühlt.

Eine Socke hat er auch an. Helles braun wie die Schuhe.

Vorsichtig gucke ich hoch auf die Beine. Unter der Hose ist ihre Befestigung zu sehen. Sie sind mit den Unterschenkeln verbunden, die übrig blieben.

Der Mann kennt inzwischen all Hilfen. Erstmal muss der feste Fuß soweit rein wie möglich. Ich schiebe kraftvoll, aber gleich bewegt sich nichts mehr.

Glasklar auf einmal, was der Unterschied ist zu einem Fuß aus Fleisch und Blut.

Wenn die Hacke drin ist kann ich dagegen drücken, sagt der Mann. Doch das Schuhende lässt sich nur ein winziges Stück über die harte Ferse schieben.

Schieben, jetzt, sage ich, hoffend, dass ich eine Chance habe, und der Mann, der keinen Fuß fühlt, drückt nach unten.

Nun ist auch noch der Rollstuhl im Weg, verflixte Hühnerkacke.

Der Zugriff auf die Ferse droht mir zu entgleiten.

Noch mal schieben sage ich, gleich ist er drin.

So geht es. Guter Trick und ich habe verstanden. Nun der zweite. Noch einmal reindrücken, über die Hacke ziehen, drücken, schieben.

Man sollte eine schönere Farbe für die künstlichen Beine und Füße finden.

Puh.

Geschafft.

Ich fädele die Schnürsenkel wieder ein. Erleichtert. Ist das zu fest? Frage ich als ich die Schleife binde. Der alte fürsorgliche Reflex.

Prustendes Gelächter rieselt auf meinen Kopf. Ich kann das doch nicht fühlen!

Ja bitte, her mit dem Pokal für die klügste Frage des Jahres. Er soll mein Wohnzimmer schmücken.

Ich richte mich wieder auf. So gerne würde ich den Mann umarmen, küssen und streicheln. Wie früher.

Was soll man denn auch tun mit so einem Restkörper wie er es einmal beschrieb. Mit dem fragilen, kranken Körper, der bald nicht mehr sein wird.

Ganz viel Zärtlichkeit wäre das Beste, oder nicht? Er gibt mir Recht.

Ich bitte den Gott, an den ich nicht glaube, dass es ihm leichter werden möge wenn er warme Haut spürt bis zum Ende.

Dass jemand ihn festhalten möge, so wie ich meine Kinder hielt in den ersten Wochen ihres Lebens.

Damals, als man mit ihnen noch nicht viel anfangen konnte.

Wir hoffen, dass es so kommen wird.

 

Klack, klack.

Klack klack klack, klack.

Meine Chelsea Boots scheinen vorwurfsvoll in den Nachthimmel zu rufen als ich in Altona den langen Bahnsteig hinunter laufe.

Klack klack deine Füße sind da und die Nervenenden leiten den Befehl für Bewegung ans Gehirn. Ein beruhigender Gedanke.

Gott! sage ich mit meiner strengsten Stimme. Gott, sorge dafür dass er jemanden fühlen wird. Solange wie es irgendwie geht.

Das Anziehen der Schuhe darf nicht die letzte Berührung sein.

 

Der Abschied

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Lachend werden dich die Flugzeuge grüßen, geliebter Freund
Nicht oft kommt jemand an, der ihre Namen am Motorengeräusch erkennt.

Ach, ich bin sicher: der Himmel ist ein guter Ort. Keine Schmerzen mehr und keine Stufen,
Immer gute Sicht. Von unten herauf wird der Duft der Sauce steigen,

Die Tilda kocht nach deinem Rezept. Du weißt, ich kaufe den Portwein
Nur widerwillig denn nie erinnere ich in welchem Regal er steht.

Du wirst das Prickeln auf meiner Haut fühlen wenn ich all unsere guten Zeiten
Passieren lasse und die wunderbaren Sätze, die du mir sagtest (gerade wenn die See rau war).

Aber noch bist du da, noch gibt es ein paar Morgen.

Der Abschied soll ein Fest sein, geliebter Freund. Zärtlich soll er sein, liebevoll glitzernd
Wie ein Bündel grell leuchtender Luftballons,

Before you let the curtains close in silence.

Weinen wollen wir erst später. Weinen werden wir immer um dich,
Bis wir uns wieder sehen.