Schuhe anziehen

schuhe

 

Da sind die Beine aus Kunststoff mit Stoff überzogen, an der Seite sehe ich ein Loch mit einer Schraube. An den unteren Enden je einen starren Fuß.

Fest und unbeweglich. Von undeutlicher Farbe zwischen braun und beige.

Die Schuhe wurden einmal falsch gekauft aber dann blieben sie.

Fünf lange Jahre.

Acht Ösen und Schnürsenkel auf jeder Seite.

Die Mutter erinnert sich an das Anziehen der Schuhe als die Kinder noch klein waren. Schnürsenkel haben wir damals weiträumig vermieden.

Die Frau, die mit den gering ausgeprägten praktischen Fähigkeiten – die Frau sieht auf die festen unteren Beine, auf die festen Füße und fängt an zu schwitzen.

Erstmal die Schnüre raus, das wird die Sache vereinfachen.

Vielleicht.

Hoffentlich.

Ein komisches Gefühl ist es einen Schuh auf einen Fuß zu ziehen, der kein Fuß ist, aber ein Fuß ist. Der den Schuh für Halt braucht, den er nicht fühlt.

Eine Socke hat er auch an. Helles braun wie die Schuhe.

Vorsichtig gucke ich hoch auf die Beine. Unter der Hose ist ihre Befestigung zu sehen. Sie sind mit den Unterschenkeln verbunden, die übrig blieben.

Der Mann kennt inzwischen all Hilfen. Erstmal muss der feste Fuß soweit rein wie möglich. Ich schiebe kraftvoll, aber gleich bewegt sich nichts mehr.

Glasklar auf einmal, was der Unterschied ist zu einem Fuß aus Fleisch und Blut.

Wenn die Hacke drin ist kann ich dagegen drücken, sagt der Mann. Doch das Schuhende lässt sich nur ein winziges Stück über die harte Ferse schieben.

Schieben, jetzt, sage ich, hoffend, dass ich eine Chance habe, und der Mann, der keinen Fuß fühlt, drückt nach unten.

Nun ist auch noch der Rollstuhl im Weg, verflixte Hühnerkacke.

Der Zugriff auf die Ferse droht mir zu entgleiten.

Noch mal schieben sage ich, gleich ist er drin.

So geht es. Guter Trick und ich habe verstanden. Nun der zweite. Noch einmal reindrücken, über die Hacke ziehen, drücken, schieben.

Man sollte eine schönere Farbe für die künstlichen Beine und Füße finden.

Puh.

Geschafft.

Ich fädele die Schnürsenkel wieder ein. Erleichtert. Ist das zu fest? Frage ich als ich die Schleife binde. Der alte fürsorgliche Reflex.

Prustendes Gelächter rieselt auf meinen Kopf. Ich kann das doch nicht fühlen!

Ja bitte, her mit dem Pokal für die klügste Frage des Jahres. Er soll mein Wohnzimmer schmücken.

Ich richte mich wieder auf. So gerne würde ich den Mann umarmen, küssen und streicheln. Wie früher.

Was soll man denn auch tun mit so einem Restkörper wie er es einmal beschrieb. Mit dem fragilen, kranken Körper, der bald nicht mehr sein wird.

Ganz viel Zärtlichkeit wäre das Beste, oder nicht? Er gibt mir Recht.

Ich bitte den Gott, an den ich nicht glaube, dass es ihm leichter werden möge wenn er warme Haut spürt bis zum Ende.

Dass jemand ihn festhalten möge, so wie ich meine Kinder hielt in den ersten Wochen ihres Lebens.

Damals, als man mit ihnen noch nicht viel anfangen konnte.

Wir hoffen, dass es so kommen wird.

 

Klack, klack.

Klack klack klack, klack.

Meine Chelsea Boots scheinen vorwurfsvoll in den Nachthimmel zu rufen als ich in Altona den langen Bahnsteig hinunter laufe.

Klack klack deine Füße sind da und die Nervenenden leiten den Befehl für Bewegung ans Gehirn. Ein beruhigender Gedanke.

Gott! sage ich mit meiner strengsten Stimme. Gott, sorge dafür dass er jemanden fühlen wird. Solange wie es irgendwie geht.

Das Anziehen der Schuhe darf nicht die letzte Berührung sein.

 

Der Abschied

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Lachend werden dich die Flugzeuge grüßen, geliebter Freund
Nicht oft kommt jemand an, der ihre Namen am Motorengeräusch erkennt.

Ach, ich bin sicher: der Himmel ist ein guter Ort. Keine Schmerzen mehr und keine Stufen,
Immer gute Sicht. Von unten herauf wird der Duft der Sauce steigen,

Die Tilda kocht nach deinem Rezept. Du weißt, ich kaufe den Portwein
Nur widerwillig denn nie erinnere ich in welchem Regal er steht.

Du wirst das Prickeln auf meiner Haut fühlen wenn ich all unsere guten Zeiten
Passieren lasse und die wunderbaren Sätze, die du mir sagtest (gerade wenn die See rau war).

Aber noch bist du da, noch gibt es ein paar Morgen.

Der Abschied soll ein Fest sein, geliebter Freund. Zärtlich soll er sein, liebevoll glitzernd
Wie ein Bündel grell leuchtender Luftballons,

Before you let the curtains close in silence.

Weinen wollen wir erst später. Weinen werden wir immer um dich,
Bis wir uns wieder sehen.

 

 

 

The Walk Home

It feels like spring in mid November when I pick her up
At the bus stop a few minutes before midnight the air being warm and humid
The harbor’s noise are blown towards the train station

We lived much less intensely if we feared not death

She says quoting a professor she’s just listened to

You know? All time we spend is gone the very minute
We’ve done something or another
And in the end when time is used up there’s death

All of a sudden I remember the night that I went for a short walk
For the first time only a few days after her birth

This strange sensation that all the weight inside me was gone
Is stuck in my memory as if it were only weeks ago

There seemed to be a balance disorder I felt like crying realizing that
These months had passed and from now on life would never be the same
A trivial insight that struck me with full force

Yes

Time is used up that’s for sure
(More than fifteen years to be precise)

So very often it feels as if life were a chain of
Many good-byes
Nothing but

Again I feel like crying due to her words
Can’t help it though actually
There’s no reason to cry

Because

All the time that I spend with them
All the time that brought me closer to death
Feels like a thousand lifes

 

 

 

die liste der glücklichen momente (II)

 

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zusammen ein hotelzimmer betreten und dabei
dir von der ganzen verrückten angst erzählen
auf eines ist verlass du lachst nur zusammen mit mir

der fuß muss abgeschnitten werden oder ein teil des beins dazu

während der fremde raum mich umschlingt
die freude sich auf der kopfhaut ausbreitet
und langsam ganz langsam die schwere entweicht

die liste der glücklichen momente

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ich habe deine sätze von gestern sehr genossen baby
deine täglich geschriebenen worte
geeignet mich alte traurige frau sofort zu erheitern genauso wie

ein kleidungsstück das du mir einst auszogst
getragen nun wenn der himmel morgens nicht hell wird

um nicht zu erwähnen den muskelkater an einem späten sommertag
(es muss die bewegung auf dem kunstledernen sofa gewesen sein)

ich blinzel denke das begehren ist unter der haut genau dort
auf deinem rücken zu dieser zeit wenn er nach schlafwärme duftet
da ist noch ein kuss mit dem mund voll zuckriger streusel die verschmelzen

mit dem geräusch der s-bahnen vor dem fenster unter dem wir liegen

im augenblick des abschieds atme ich dich noch einmal ein und
umarme am übernächsten morgen die leere stelle in meinem bett

wissend hoffend du mögest wieder kommen und wieder
ach baby wenn das nicht glück ist dann weiß ich nichts mehr