Das einzige Leben, das man gekriegt hat

 

Manchmal gibt es solche Glücksgriffe. Mein Kind war in der Kindbuchabteilung verloren gegangen und ich zog beim Warten aus dem Haufen „preisreduzierte Mängelexemplare“ zwischen lauter Unsinnsliteratur ein Buch hervor, von dem mir der Name der Autorin ins Auge fiel. Das Profil einer österreichischen Facebook-Freundin  hatte mich mit ihr bekannt gemacht (manchmal ist das nutzlose Facebook doch nützlich).

„Gruber geht“ von Doris Knecht beginnt ein wenig schwerfällig, um dann umso stärker seinen Sog zu entfalten. Geschrieben in einer eigenwilligen, fast lässigen Sprache, die aber nie unernst ist, erzählt sie die Geschichte von Gruber und seiner Krebsdiagnose.

Praktisch unmittelbar mit der Diagnose kam der Überlebenswille, ein dringender, überwältigender Wunsch, am Leben zu bleiben. Dieser Überlebenswille ist, das hat Gruber auf seinem Chemotherapie – Bett auch von jedem einzelnen Mitpatienten gehört, mit einer Krebsdiagnose zwingend gekoppelt. Todesaussicht bewirkt zuverlässig Lebenswunsch, das ist Gesetz, selbst oder gerade bei denen, die das Dasein davor mehr als eine gottgegebene Prüfung auf dem Weg zu einem besseren, gerechteren Jenseits betrachtet hatten. Plötzlich wird einem klar: ein besseres Leben gibt es nicht, das hier, das akut gefährdete hier, ist das beste, weil das einzige, das man hat, das einzige, dass man gekriegt hat, und das will man nun auf gar keinen Fall hergeben.

Gruber ist keine Figur, die gleich symphatisch wäre. Aber er wird es, ganz langsam, ganz allmählich, in dem Maße, wie er sich an die Erkenntnis herantastet, dass der Krebs auch das Ende seines Lebens sein könnten.

Die Beschreibung seines Wegs ist geeignet, uns alle mit Wucht zu treffen. Uns alle, die wir lieber nicht über so unangenehme Dinge wie Krankheit und Tod nachdenken. Wirklich beeindruckt hat mich die Art, wie Doris Knecht diese Geschichte erzählt und kein noch so schreckliches Detail ausspart, ohne jemals ins Kitschige abzugleiten und ohne die gezwungen-esoterisch klingende Lockerheit, in der solche Themen ansonsten mitunter beschrieben werden.

Aber, lest selbst:

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Fallobst (6)

 

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Achtzehn: Die Körperspuren sind Erinnerung an den Beginn. Achtzehn, das ist die unbedingte Liebe des Lebens zu sich selbst, die größte, die es gibt; es ist die Sturheit einer Eselherde, versammelt in einem Kind. Achtzehn ist der Langstreckenlauf, der dann doch nur einhundert Meter betrug.

Vermissen (II)

 

Es liegt ein rotblauhelles Dämmerlicht über dem Viertel,

und ein Paar joggt durch die Einkäufer von Weihnachtskram –

unter tausend kleinen Lampen scheinen die Augen zu erblinden,

nur mein graues Haar glitzert angemessen,

ich aber, muss ich hier wirklich sein?

Ach!

Ich sehne mich zurück in die Nächte,

in denen dein Schnarchen meine Schlaflosigkeit hütet,

die Nächte, in denen der Tag um 4:30 Uhr mit dem Hahnenruf anbricht.

Ich sehne mich zurück zu den kleinen wohligen Schauern,

die deine Gegenwart durch meinen Körper rinnen lässt,

während sich anderes Federvieh lautstark beschwert.

Ach!

Rufe ich den glühweintrunkenen Käufern entgegen,

ach, wo kämen wir hin, wäre das Glück selbstverständlich!

Wir wüssten nicht was wir vermissten,

wir wüssten nicht was wir hüten müssen!

Und das Leben wäre gar nicht mehr schmerzlich schön.

 


Ein Versuch über Sehnsucht und Behütet werden, letzteres inspiriert von Diana, und mit von Hannah geliehenen Ausrufezeichen :)

Fallobst (4)

Leise glitzernd legt sich deine Gegenwart über meine Haut, doch auch deine Abwesenheit streichelt meinen glücklichen Kern. Ich vermisse dich und ich vermisse dich nicht; aus beidem besteht meine Liebe zu dir (und die Sehnsucht ist die aufdringliche Voraussetzung des Begehrens). Starke Mauern sind es, die wir in den Jahren zusammen bauten, starke Mauern aus Wörtern und verstohlenen Blicken.


(*)
Ich bin mir schon lange darüber im klaren, wie /
gefährlich Sehnsucht sein kann, sie ist die /
übertriebenste,
aber auch die unaufdringlichste /
Strategie der
Enthaltsamkeit.

Thomas Kunst, aus: Kunst. Gedichte 1984 – 2014

Kraftlos

 

Der Milchschaum schwappt im Kuss der Windbö & derweil
klettert die Kälte unter der Anzughose das Bein hinauf,
als ob die ganze Novembertraurigkeit in die Haut schnitte.

Diese Jahreszeit ist das zähe Warten am Bahnhof,
die Minuten beobachtend bis der Zug mit den Kindern endlich eintrifft,

vermutlich haben selbst die Engel nasse Füße
& die Strandkörbe im Winterquartier sind fröhlicher als ich.

Widerstrebend verscheuchte ich den Moment,
stolpere die Leere verwünschend ins Taxi.

Liebes Gott hat immer Überraschung! erklärt mir die Fahrerin.
Really?

Soll ES mir doch mal eine schicken, sage ich,
aber bitte nur eine schöne! Alles andere verkrafte ich heute nicht.