Fallobst (3): Weil

Weil sich es wird immer so weiter gehen bis wir alt und grau sind schwerelos und warm anfühlt.

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Vermisst

Es ist gut kurz das Kind zu umarmen,

dort, wo der kleine Hafen aufs Meer hinausführt,

wo der Wind die Haare zerwühlt wie

sonst nur der Schlaf es kann. Das Klappern

der Segelbootmasten widerspricht den Wolken,

und verschmilzt sie mit der weichen Wärme der Körper.

Für einen Moment kehren die vermissten Gefühle zurück,

leichtfüßig, sanft. Bleibt! sage ich, bleibt und macht euch nicht immer so rar.

Der eigene Name

Als ich anfing meine Gedichte zu veröffentlichen war es für mich keine Frage, dass ich dies unter einem Pseudonym tun würde. Ich wollte nicht, dass jeder, der meinen Namen googelt, gleich auf meine persönlichen Texte trifft. Ich wollte eine Art geschlossenen Benutzerbereich, in dem ich in Ruhe ausprobieren könnte wie es ist mit Texten öffentlich zu sein, die ganz anders sind als die, die ich sonst schreibe.

Eines Tages, viele Jahre später, sah ich auf Twitter eine Amerikanerin mit meinem Vornamen. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass es den in Amerika überhaupt gibt … und mit einem Mal, urplötzlich, schlich sich ein leises Bedauern ein, dass ich hier nicht unter meinem eigenen Namen schreibe. Nur wenig später traf ich bei einem Auftraggeber auf eine neue Ansprechpartnerin, die mich mit den Worten begrüßte: „May I call you Bettina? José says Bettina“. Und wieder setzte eine gewisse Sehnsucht nach meinem eigenen Namen ein, als ich wenig später den Blog aufschlug.

Und so habe ich mich wie die Golfplätze am Tegernsee auf einen Namen geeinigt, auf meinen eigenen, und werde ihn fortan auch hier benutzen.

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Ahoi Lütte Oma – Ein Nachruf

Wir haben eine Adoptivoma, sagte ich manchmal, wenn jemand fragte, wer Frau L. sei. Wir nannten Frau L. „Lütte Oma“, wobei niemand mehr rekonstruieren kann, warum eigentlich. Mit diesem Namen war sie jedenfalls von den Bio-Omas zu unterscheiden, auch wenn sie von ihrer Statur her nicht kleiner war als wir alle. Oft dachte ich, ich würde mir auch die Bio-Omas so wünschen wie sie. Ihre Tochter ist unsere Nachbarin und Freundin und deshalb lernten wir uns vor langer Zeit kennen.

Adoptivoma

Lütte Oma nahm viele Jahre an unserem Leben teil. Sie war ein besonderer Mensch, von denen es nicht viele gibt, zugewandt, aufmerksam und interessiert an allem. Sie besuchte uns zum Geburtstag der Kinder, und wenn sie nicht anwesend sein konnte, schickte sie kleine Geschenke über ihre Tochter. Sie buk die wunderbarsten Kuchen, die sie zu diesen Gelegenheiten ebenfalls mitbrachte oder mitgab. Es war die Art Kuchen, von denen wir uns das Rezept geben lassen konnten, aber niemals würden sie so schmecken wie die von Lütte Oma.

Backen und Nähen

Genauso großartig wie sie backen konnte, konnte sie nähen. Ich werde nie den Tag vergessen, an dem sie die vom Zerfall bedrohte, liebste Kuschelpuppe meiner Erstgeborenen praktisch neu nähte. Am Abend vor der Abreise zur ersten Klassenreise kam Lütte Oma mir mit dem Auto durch die halbe Stadt entgegen gefahren, um die altneue Puppe noch zu übergeben. Meine Tochter nahm sie freudestrahlend entgegen, drückte sie an sich und meinte: Die funkelt richtig! Ich sah die Puppe an und dachte: Wie beneidenswert, so etwas zu können.

So war denn auch ein Anruf bei ihr immer das erste Mittel der Wahl, wenn es bei uns praktische Fragen zum Thema Haushalt gab. Von Bettwäsche im Schrank so falten, dass sie nicht beim Öffnen des Schranks gleich wieder rausfällt, bis zu Plätzchenrezepten wusste sie einfach alles.

In den Zeiten als ich, alleinerziehend und berufstätig wie ich war, ständig am Rande der Überforderung balancierte, waren ihr Da-Sein und ihre zurückhaltende Aufmerksamkeit die kleinen Gesten, die bewirkten, dass ich mich nicht mehr so ganz und gar alleine fühlte.

Viel zu selten besuchten wir sie in ihrem Haus am Stadtrand, in das sie gezogen war, als sie mit 18 Jahren heiratete. Oben lebten die Schwiegereltern, unten sie und ihr Mann mit den Kindern, die kurz darauf geboren wurden. Hochzeit mit 18! Für mich war es eine unvorstellbare Idee, das eine so frühe Heirat weder in einer ebenso frühen Scheidung enden sollte, noch mit einer lebenslang unglücklichen Ehefrau.

Nach dem Tod der Schwiegereltern blieb das Haus das Zuhause ihrer Familie, und nach dem Auszug ihrer Kinder ihres. Bei einer unserer Besuche erzählte sie von den Kriegsjahren, die sie als gebürtige Hamburgerin in Hamburg erlebt hatte. In wenigen Sätzen schilderte sie, wie sie als Kinder Holz suchen gingen und die Älteren im Elbschlamm die Kohlen, die beim Entladen der Schiffe heruntergefallen waren. Vieles habe ich vergessen, sagte sie damals. Aber was ich bis heute fühlen kann, ist das Gefühl von Hunger. Wir hatten als Kinder immer Hunger. Ich erinnerte mich oft an diese Sätze, genauso wie an ihre Geschichte von dem befreundeten Nachbarsehepaar, das sich in den sechziger Jahren scheiden ließ. Da musste Lütte Oma zusammen mit ihrem Mann vor dem Familiengericht eine Zeugenaussage machen, wer denn wen zuerst betrogen habe.

So angenehm altmodisch

Lütte Oma strahlte immer etwas Altmodisches aus. Fast 60 Jahre mit demselben Mann verheiratet, war sie mit ihm glücklich bis er vor ihr starb. Soweit ich wusste, war sie auch in ihrer lebenslangen Rolle als „Nur-Hausfrau“ zufrieden. Altmodisch hieß für sie allerdings nicht, dass sie im Gestern stehen geblieben wäre. Ganz im Gegenteil; sie war offen für alle Meinungen und Ideen. Konnte sie einer modernen Idee nicht folgen, verdammte sie nicht die Idee oder gar die Menschen, die sie hatten. Dann sagte sie nur: Ich habe das früher anders gelernt, und deswegen finde ich das befremdlich. Aber heute ist das ja anders. Die schweren Zeiten, die sie hatte, trug sie mit einer Haltung, die ich bewunderte, und war auch dann noch interessiert am Leben drumherum.

Auf ihre zurückhaltende Art war sie eine Bewohnerin meines Dorfs, das mir im Leben mit den Kindern zur Seite stand.

 

Hafen

 

Aus jedem Urlaub schrieben wir ihr eine Postkarte und immer, wirklich immer, rief sie uns dann an, um für die Postkarte zu danken. Trotzdem scheint es rückblickend als hätten wir mitunter mehr von ihr gesprochen und an sie gedacht, als sie von uns hörte. Wir dachten, wir hätten noch Zeit. Geliebte Menschen haben in unserem Gefühl ein ewiges Leben und der Tod ist nur eine theoretische Option.

Lütte Oma starb am vorletzten Wochenende so unspektakulär, wie sie gelebt hat. Sie ging schlafen und wachte am nächsten Morgen nicht wieder auf. Ahoi Lütte Oma, ich hoffe es geht dir gut dort bei den Wolken und Sternen. Du fehlst uns schon jetzt.